«Ich kann mich nicht gross äussern», meinte der Beschuldigte, als man ihm im Gerichtssaal die Bilder der Überwachungskamera des Zuges der Bremgarten-Dietikon-Bahn (BDWM) vorführte. «Ich kann nur sagen, dass ich geschockt bin. Ich bin nicht so.»

Die Bilder zeigten eine Auseinandersetzung, die damit begonnen hatte, dass ein junger Mitpassagier den Beschuldigten, der sich eine Zigarette angesteckt hatte, aufs generelle Rauchverbot im Zug aufmerksam machte.

Die Sache eskalierte, als der Beschuldigte bemerkte, dass das Opfer versuchte, ihn mit dem Handy zu fotografieren. Glücklicherweise erwiesen sich die Verletzungen des Opfers als nicht allzu schwer. Für die Staatsanwaltschaft jedoch hatte der Beschuldigte bewusst lebensgefährliche respektive schwere Körperverletzungen des Opfers in Kauf genommen, weil er mit Faustschlägen und Kniestössen gezielt auf den Kopf des Opfers einwirkte.

«Der Alkohol ist schuld»

«Das ist eine gute Frage», meinte der Beschuldigte, als Gerichtspräsident Cyrill Kramer den Grund für das aggressive Verhalten wissen wollte. Der Beschuldigte – in Sachen Gewalt ein nicht ganz unbeschriebenes Blatt -– machte geltend, dass er stark alkoholisiert gewesen sei und deswegen einen Blackout hatte. Auf den Vorhalt der Einsichtslosigkeit meinte der Beschuldigte, der sich seit Anfang dieses Jahres wieder in Untersuchungshaft befindet und demnächst zum zweiten Male Vater wird: «Es ist der Alkohol. Jedes Mal wenn ich einen Sch...dreck gemacht habe, war ich alkoholisiert. Ich will weg vom Alkohol. Ich will meine Chance packen. Ich bin bereit, eine ambulante Therapie zu machen.»

«Der Beschuldigte hat ohne Not und Grund massive Gewalt angewendet», betonte der Staatsanwalt. «Das war keine Kurzschlusshandlung. Selbst die Intervention eines Mitreisenden konnte ihn nicht abhalten.» Der Staatsanwalt forderte, den Beschuldigten wegen versuchter schwerer Körperverletzung und einer Reihe weiterer Delikte in anderem Zusammenhang – Diebstahl, Hausfriedensbruch, geringfügiger Betrug sowie Widerhandlungen gegen das Strassenverkehrsgesetz – zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren und einer Busse von 400 Franken zu verurteilen.

Die Verteidigerin machte geltend, dass ihr Mandant dem Opfer lediglich eine Ohrfeige verpasst habe und es mit angedeuteten Kniestössen bloss habe einschüchtern wollen. Sie beantragte, den Beschuldigten wegen einfacher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von maximal 10 Monaten und einer Busse von maximal 500 Franken zu verurteilen und ihm den bedingten Vollzug der Haftstrafe zu gewähren.

«Schweres Verschulden»

Das Gericht sprach den Beschuldigten jedoch im Sinne der Anklage schuldig. Es blieb aber mit einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren unter dem Antrag der Staatsanwaltschaft. «Für das Gericht ist erstellt, dass der Beschuldigte das Risiko in Kauf genommen hat, seinem Opfer schwere Körperverletzungen zuzufügen», erklärte der Vorsitzende. «Das Gericht geht von einem schweren Verschulden aus.»