Bad Zurzach

Querschnittlähmung nach «Köpfler»: Wie Peter Lude sich danach neu entdeckte

Am Wasser hat sich sein Leben vor 32 Jahren auf einen Schlag verändert: Peter Lude am Ufer des Rheins in Bad Zurzach. Alex Spichale

Am Wasser hat sich sein Leben vor 32 Jahren auf einen Schlag verändert: Peter Lude am Ufer des Rheins in Bad Zurzach. Alex Spichale

Peter Lude ist Psychotherapeut, Buchautor, Gemeinderat – und seit einem Unfall querschnittgelähmt. In seinem neuen Buch beschreibt er die schwere Zeit, damals nach dem Unfall und sein Weg zurück.

Wir treffen Peter Lude vor seinem Elternhaus in Bad Zurzach. Hier wohnt noch heute seine Mutter; und er mit seiner Frau Yvonne gleich nebenan. Hier arbeitet auch das Ehepaar Lude. Er als Psychotherapeut, sie als Physiotherapeutin. Das Haus steht nahe der Grenzbrücke zu Deutschland. Für das Foto schlägt Peter Lude den Uferweg am Rhein vor. Wir folgen ihm ans Wasser. Am Wasser, da hat sich sein Leben vor 32 Jahren auf einen Schlag verändert.

Es ist der 14. Juli 1984. Peter Lude, knapp 20-jährig, steht mitten im Leben. Jung, sportlich, mit der Absicht, Medizin zu studieren. In der Toskana besucht er einen Sprachkurs. Der Schwimmer mit Trainerlizenz will einem schwedischen Kollegen und Nationalmannschaftsschwimmer einen Startsprung ins knietiefe Wasser zeigen. Was dann geschieht, beschreibt Peter Lude in seinem neuen Buch wie folgt: «Beim Eintauchen – Zack! – wurde der Fluss des Sprungs plötzlich gestoppt. Was ist geschehen? Wo bin ich? Ja – ich bin ins Wasser gesprungen. Denken konnte ich noch.» Arme und Beine spürt er nicht mehr. Von diesem Moment an ist der heute 51-Jährige querschnittgelähmt. Diagnose: Tetraplegie C 4/5. Also Durchtrennung des Marks zwischen dem 4. und 5. Halswirbel und somit Lähmung aller vier Gliedmassen. «Mit grösster Wahrscheinlichkeit werden Sie für den Rest Ihres Lebens nur noch die Schultern nach oben ziehen können», teilte ihm ein Arzt mit. Heute kann Lude seine Arme und Hände teilweise bewegen.

Zurück im Haus. Peter Lude erzählt von seiner Zeit als Patient: Von der Bergung, der ersten Behandlung in Italien, der Überführung in die Schweiz, den Klinikaufenthalten, von der Rehabilitation, während der er seine Frau kennen lernt – sie war Praktikantin in Ausbildung zur Physiotherapeutin – und vom Weg zurück in die Gesellschaft. An einer Stelle im Buch schreibt Lude: «Eine Querschnittlähmung entspricht einem Nachtflug mit defekten Navigationsgeräten.» Auch wenn Lude wünscht, dass sein Porträt nicht plakativ wirken soll, so liegt der (möglicherweise plakative) Schluss nahe: Lude ist ein ziemlich guter Pilot. 32 Jahre nach seinem Unfall ist er Gemeinderat, Lehrbeauftragter, Forscher, Buchautor und Dr. Phil. der Psychologie.

Mit dem Springer Verlag hat er das Sachbuch «Querschnittlähmung – Schritte der Bewältigung. Die Kraft der Psyche» veröffentlicht. Lude behandelt darin erstmalig die subtilen psychischen Vorgänge nach einer lebensbedrohlichen Verletzung. Auf der Basis neuster Forschungsergebnisse und aus eigener Erfahrung berichtet er über eine starke Mobilisierung psychischer Ressourcen. In einer Situation, in der gar nichts angenehm ist, geht es darum, aus kleinsten Ansätzen, die den Hauch von «angenehm» haben, den Normalzustand zu entwickeln. Das Buch richtet sich, auch das ist neu, gleichermassen an Betroffene, Angehörige und Fachpersonen.

Die Querschnittlähmung vergleicht Lude mit einem Gleisunterbruch. Der eine Schienenstrang, der Körper, erfährt eine abrupte Unterbrechung. Der andere Schienenstrang, der Kopf, die Persönlichkeit, läuft ungebrochen weiter und kann sich über die Körperlichkeit hinaus entwickeln. Sein Körper hat sich mehr als 30 Jahre nicht aktiv bewegt, «dennoch laufen innerlich hochaktive Prozesse ab, die man von aussen nicht sieht», sagt Lude. Diese innere Lebendigkeit gelte es als Tetraplegiker wachzuhalten.

Das Echo, das Lude mit seinem Buch ausgelöst hat, überrascht ihn. Fachmagazine, Zeitungen und auch ein Fernsehsender haben sich bei ihm gemeldet. «Die innere Lebendigkeit bei äusserer Lähmung scheint zu interessieren», sagt er. Lude hat auch das Glück, dass er während der 30 Jahre von grösseren Komplikationen verschont worden ist. «Das ist keineswegs selbstverständlich», sagt er, «laut Forschung sind es nur 4 Prozent.» Er habe sich einst vorgenommen, zu schauen, was bis 50 alles drinliegt. Diese Schwelle hat er inzwischen überschritten und sein Leben ist erfüllend und ausfüllend. «Ich mache weiter. Als Gemeinderat, im Beruf, in der Lehre und Forschung», sagt er, und fügt nach einer kurzen Pause an: «Aber ich kann auch gut einen Tag auf der Terrasse verbringen und einfach der Sonne zuschauen.»

Buchvernissage. «Querschnittlähmung – Schritte der Bewältigung. Die Kraft der Psyche.» Peter Lude. Springer Verlag. 279 Seiten. Mittwoch, 13. April, 19.30 Uhr in der «Arche» Bad Zurzach.

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