Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Statt aus dem Nähkästchen, plaudert man in dem Fall aus dem Koffer. Koffern – laut Duden «aus dem französischen ‹coffre› und dieses vom arabischen ‹guffa› ein verschliessbares Behältnis für den manuellen Transport von Gegenständen» – rollen heutzutage zumeist auf Rädern, sind hartschalig und kunterbunt. Früher waren sie aus Stoff, Leder oder Karton, braun, schwarz, mitunter auch kariert.

So wie der von Muriel Schaad, die am Wochenende damit von Wettingen nach Lengnau gereist war. Den Koffer hatte sie in einem Estrich aufgestöbert. Hineingepackt hatte sie Porzellanteller in verschiedenen Grössen mit Loch im Zentrum, dazu gold- oder silberglänzende Stäbe . Am Ziel hatte sie beides zusammen kombiniert – et voilà: Etagèren wie aus Omas Zeiten warteten auf Kundschaft.

Koffermärkte sind im Kommen

Der Karierte aus den 60er-Jahren war in guter Gesellschaft: Über 20 Exemplare, vom Handköfferchen bis zum mannshohen Überseekoffer hatten im Ortsmuseum ihr Innerstes nach aussen gekehrt. Dies blieb nicht ohne Folgen, denn wo Geheimnisse gelüftet werden, fehlt es nicht an Gwundernasen. Entsprechend herrschte ein reges Kommen und Gehen.

Jahrmärkte, Weihnachtsmärkte, Ostermärkte hat man doch alle schon irgendwo und irgendwann besucht. Aber einen Koffermarkt? Die sind ganz gross im Kommen. Für Lengnau wars der erste – ein kleiner, aber ganz feiner. Unter den Besuchern gabs auch den einen oder anderen Mann; hinter und neben den Koffern aber standen nur Frauen. Sie hatten die Ergebnisse von stundenlangem kniffligem kreativem Arbeiten eingepackt und waren von nah und auch von etwas ferner hierher gereist.

Trudlies Gassler aus Koblenz zum Beispiel hatte Selbstgefertigtes aus Leder, unter anderem Handtaschen und kleine Beutel «für den Notgroschen» im Gepäck. Ursula Werder aus Oberglatt bot kleinen Kunstwerken aus Filz – Ansteckrosen, Drachen, Bleistiftüberzieher – und reizenden gehäkelten und mit zarten Spitzen Tütüs bekleidete Mäuschen namens «Angelina Ballerina» wohlfeil.

Evelyne Liechti fertigt daheim im bernischen Krattigen kunterbunte Magnetknöpfe aus Glas. Den passenden Koffer dazu hatte sie im Brockenhaus Thun aufgestöbert. Offensichtlich hatte er einst einen reisenden Vertreter zu Diensten gestanden, war er doch mit entsprechenden Einrichtungen zum Präsentieren des Warenangebotes eingerichtet.

Die elfjährige Luana Dalla Corte aus Dällikon verkaufte «Zauberdosen» – Gläser, auf deren mit hübschen Stoff überzogenen Deckeln kleinen Tierfiguren sitzen. Der Koffer hatte zwecks Entsorgung am Strassenrand gelegen, Papi Bruno hatte ihn zusätzlich mit einem kleinen «Regal» versehen. In den beiden Handköfferchen von Beatrice Desole aus Schneisingen glitzerten und glänzen wunderhübsche Glasperlen, die sie selber aus Murano-Glas dreht und daraus Schmuckstücke herstellt. Dass der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind, machte der Kofferinhalt von Cornelia Ursprung aus Ehrendingen deutlich: Aus den Seiten alter Bücher fertigt sie unter anderem Schalen und Papierfrüchte.

Neue Frisur für einen Fünfliber

Auf den drei Etagen des Ortsmuseums lockten auch aus mega lässigen Stoffen genähte Kinderkleidli, handbemalte Porzellantässli, Schutzengel aus Süsswasserperlen, Schmuck aus Nespresso-Kapseln, aus Beton gegossene Herzen und Schnecken, mit Reis und Pfefferminze gefüllte Augenbinden, Taschen und Täschchen aus Wachstuch zum Kauf.

Aus dem Koffer von Nicole Calibran gabs Versuecherli von Milchkonfi. Um diese herzustellen, muss die Stadtzürcherin zweieinhalb Stunden stehen und in Vollmilch vom Bauern mit Zucker rühren. Sie hatte auch goldene Marzipanengel, selbstgemachtes Magenbrot und liebevoll verzierte Muffins aus ihrem Koffer gezaubert. Ihre zehnjährige Tochter Sonelle hingegen hantiert leidenschaftlich gerne mit Coiffeur-Utensilien. Mit Bürsten, Klammern, Bigoudies im Koffer, einer Tasche mit Scheren und Kämmen um den Bauch gebunden, verpasste Solenne ihren Kundinnen für einen Fünfliber eine neue Frisur.