Lengnau

«Politik ist ein Machtkampf»: Ammann Kurt Schmid tritt nach 28 Jahren ab

Für Kurt Schmid «ist der grösste Trumpf von Lengnau der starke Zusammenhalt». Annika Bütschi

Für Kurt Schmid «ist der grösste Trumpf von Lengnau der starke Zusammenhalt». Annika Bütschi

Nach 28 Jahren als Gemeindeammann in Lengnau tritt Kurt Schmid vom Amt zurück – zumindest von einem. Der Mann – er ist auch Präsident des Aargauischen Gewerbeverbands – ist ein Phänomen, scheint sein Tag doch weit mehr als 24 Stunden zu haben.

Ehemann, Vater, Politiker, Wirtschaftsprüfer, Musiker, Verbandspräsident ... Kurt Schmid, eine Frage: Wie viele Stunden hat dein Tag?
«24 Stunden, wobei ich aber eindeutig ein Nachtmensch bin», antwortet er lachend, um ernst anzufügen: «Ohne meine Frau im Hintergrund hätte ich keine Chance, alles unter einen Hut zu bringen.» Oft sitze er bis spät abends allein im Büro, um in Ruhe nachzudenken.

«Abendruh» hat er denn auch sein Waldhaus im Himmelrich – dem Weiler ob Lengnau – getauft. Das Jagdhaus hatte ursprünglich dem Finanzkonsulenten des liechtensteinischen Fürsten Franz Josef II. gehört. «Der hiess lustigerweise auch Schmid und hatte mit Philipp Etter studiert.»

Etter, der von 1934 bis 1956 dem Bundesrat angehörte, sei regelmässig nach Lengnau gefahren und zu Fuss ins Himmelrich spaziert, um die Ruhe und Abgeschiedenheit fernab von den Regierungsgeschäften zu geniessen. So wie das Kurt Schmid heute auch regelmässig tut- mit Blick hinunter ins Surbtal und auf Lengnau.

Wie hatte er sich doch getäuscht

Lengnau – hier wurde er am 3. Januar 1954 als Sohn eines Viehhändlers geboren. Sein Vater habe noch relativ fliessend Jiddisch gesprochen. Nach seiner Ausbildung zum Betriebsökonomen und Wirtschaftsprüfer hatte Kurt Schmid zwar seine beruflichen Lehr- und Wanderjahre in Genf – mit zahlreichen kurzen Auslandaufenthalten – und Zürich verbracht. Doch nach wenigen Jahren war er mit fliegenden Fahnen zurückgekehrt: Lengnau war und ist sein Lebensmittelpunkt.

Hier hatte er als 23-Jähriger Land gekauft – «zum damals hohen Quadratmeterpreis von 99 Franken. Heute liegt er bei 750 Franken» – und mit 26 Jahren ein Haus darauf gebaut. «Darin zu wohnen konnte ich mir allerdings noch lange nicht leisten.» Er vermietete es und lebte weiterhin bei seinen Eltern.

Erst nach seiner Hochzeit mit Franziska Müller – klar doch eine Lengnauerin – zog er in sein Haus. Das war 1988 und Schmid war schon zwei Jahre Gemeindeammann. «Als ich mit 20 erstmals eine Gemeindeversammlung besucht hatte, befand ich, dass das eindeutig nicht meine Welt sei und man mich hier bestimmt selten antreffen wird.» Wie sehr hatte er sich da doch getäuscht!

28 Jahre lang hat er das Amt inne gehabt und an keiner einzige der 62 Gemeindeversammlungen gefehlt. «Politik ist ein Machtkampf», räumt er unumwunden ein. Für einen typischen Steinbock wie ihn aber genau das Richtige: «Ich bin zielstrebig, arbeite effizient und bin für schlanke Strukturen.» Einer Partei anzugehören, die mit «S» beginne, sei für ihn nie infrage gekommen: «Ich gehöre eindeutig in die Mitte, ich suche das Machbare.»

«Vereine sind das Herzstück»

Schmid war Gemeindeammann aus Leidenschaft, «weil mir der Kontakt zu den Menschen sehr viel bedeutet. Der grösste Trumpf von Lengnau ist der starke Zusammenhalt. Hier hat sich das Gefühl von Zusammengehörigkeit unter den Bewohnern in all den Jahren kaum verändert. Im Gegenteil: Als ich das Amt antrat, hatte es 20 Vereine gegeben, heute sind es 40. Sie sind das Herzstück der Gemeinde.»

Das Milizsystem in der Gemeindepolitik sei ein enorm wichtiges Netzwerk. Pro Jahr habe er rund 700 Arbeitsstunden für das Amt aufgewendet; er weiss auch schon genau, wie er die «Lücke» auffüllen wird: «Je zu einem Drittel mit Beruf, Familie und Freizeit.» Freizeit – das ist für Kurt Schmid joggen, lesen, schreiben und musizieren.

Schlussfest mit der Bevölkerung

Beruflich als Wirtschaftsprüfer und Miteigentümer einer Treuhandfirma stark eingespannt, vier Jahre Grossrat, 15 Jahre Dirigent der Musikgesellschaft Leuggern, seit über 20 Jahren Mitglied des Alphorntrios Zurzibiet, seit fünf Jahren Präsident des Aargauer Gewerbeverbandes – die Liste von Aktivitäten und Mandaten liesse sich locker vervierfachen.

Stolz ist er auf die Tatsache, dass die Nachfrage nach seinem 2004 erschienen Buch «Kommunalpolitik – eine reizvolle Herausforderung, ein praxisorientierter Leitfaden und nützliches Nachschlagewerk» so enorm ist, dass es dringend eine Neuauflage braucht.

Vordringlich war für Schmid allerdings, eine umfangreiche Dokumentation «Lengnau – immer auf Trab! 1986-2013» zu verfassen. Er wird sie am 3. Januar in der Mehrzweckhalle abgeben. Dorthin hat Kurt Schmid sämtliche Lengnauer persönlich zum kommunalpolitischen Schlussfest eingeladen, weil er der Bevölkerung für die wunderbare Zusammenarbeit danken möchte.

«Frisch gewagt ist halb gewonnen», hat er seinem Nachfolger im Amt, Franz Bertschi, mit auf den Weg gegeben. Es gibt keinerlei Zweifel darüber, dass dies auch weiterhin Kurt Schmids Maxime sein wird.

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