Schulhaus-Desaster

Planer und Ingenieur stehen in Würenlingen am Pranger

Wasserspuren an der Fassade vor der Abdichtung mit Fugenband. ZVG

Das Schulhaus-Desaster

Wasserspuren an der Fassade vor der Abdichtung mit Fugenband. ZVG

Am nächsten Donnerstag wird den Stimmberechtigten der Gemeinde Würenlingen ein Kredit von 1,045 Millionen Franken für die Schulhaussanierung zur Abstimmung unterbreitet.

Der Kredit betrifft kein Jahrzehnte altes Gebäude, sondern die Instandstellung des erst 10-jährigen Schulhauses 2001, bei dem sich bereits zwei Jahre nach der Einweihung erste Mängel zeigten. In den folgenden Jahren wurden Gutachten und Expertisen erstellt, Berichte verfasst sowie rechtliche Abklärungen in Auftrag gegeben.

Im August 2011 forderte die SVP-Ortspartei in einer Medienmitteilung den Gemeinderat auf, für Klarheit zu sorgen. Ins Visier nahm die SVP den amtierenden Gemeindeammann André Zoppi und dessen Rolle als Unternehmer und Baukommissionspräsident im Zusammenhang mit der unschönen Situation rund um das Schulhaus 2001. Insbesondere stellte die SVP die Frage, warum es in dieser Angelegenheit nicht weiter gehe: «Kann es sein, dass der Gemeindeammann und Inhaber der Firma, die damals den Zuschlag für die Spenglerarbeiten erhielt, ebenfalls zur Kasse gebeten wird?» Weiter stellte die SVP die Frage, weshalb die ganze Fassade mit Silberstreifen verklebt wurde, «obwohl man genau wusste, wo Wasser eindrang.»

Aktenstudium verschafft Klarheit

Ein Teil dieser Fragen ist vom Gemeinderat mit den Erläuterungen im Gemeindeversammlungsbüchlein beantwortet. Noch tieferen Einblick in die verworrene Situation ermöglicht die Aktenauflage. Wer das umfangreiche Dossier lesen will, benötigt viel Zeit, wird aber mit einigen zusätzlichen Erkenntnissen belohnt.

Zunächst sticht ins Auge, dass André Zoppis Spenglerunternehmen keine Schuld am Desaster trifft. Wörtlich heisst es im ersten, vom Gemeinderat in Auftrag gegebenen Gutachten, dass das Dach zweimal mit Wässerungsversuchen auf ihre Dichtigkeit hin überprüft wurde und bei beiden Versuchen kein Wassereintritt ins Gebäudeinnere festgestellt werden konnte. Wörtlich heisst es im Gutachten: «Eine Wasserinfiltration im Zusammenhang mit der Flachdachkonstruktion kann ausgeschlossen werden.»

Sanierung für 370000 Franken

Auch im zweiten, vom bauverantwortlichen Zürcher Architektenbüro Aeschlimann Prêtre Hasler und vom Badener Ingenieurbüro Heyer Kaufmann Partner AG in Auftrag gegebenen Gutachten lässt sich kein Hinweis auf unsachgemässe Arbeit der Spenglerfirma finden, dafür mehrere Hinweise, die Planer, Ingenieur und Fensterbauer belasten. Der Gutachter zieht das Fazit, für die Wassereintritte verantwortlich seien in erster Linie die fehlenden, zu schwachen und schlecht ausgeführten Abdichtungen bei den innen angeschlagenen Fenstern, die zu tief liegenden Quellbänder in den Arbeitsfugen bei den aussen angeschlagenen Fenstern, die schlecht ausgeführten Arbeitsfugen im Beton sowie die schlechte Betonqualität mit dem viel zu hohen Wassergehalt im Frischbeton.

Der Gutachter schlägt in seinem auf den 15. März 2011 datierten Schreiben eine Sanierung für 370000 Franken vor. Abschliessend äussert er die Ansicht, die Fassade sei mit den Abklebungen zuverlässig gesichert, weshalb die Sanierung grundsätzlich nicht eile. «Riskant sind nicht die abgeklebten Ablösungen der Kittfugen.» Wenn aber mit der Instandsetzung noch länger als bis Ende 2011 zugewartet werde, sollten diese Kittfugen unbedingt erneuert und künftig unterhalten werden.

Noch klarere Worte sind im ersten, vom Gemeinderat in Auftrag gegebenen Gutachten zu finden: «Unabhängig davon, dass die Mindestarmierung (...) nicht eingehalten wurde, beurteilen wir die gewählte Konstruktion als nicht zweckmässig.» Eine fugenfreie Sichtbetonfassade mit 122 Meter Länge könne nicht funktionieren. Eine Instandsetzung der Fassade sei zwingend erforderlich.

Luftspalt für 2,5 Zentimeter

Die Liste der im ersten Gutachten aufgeführten Baumängel ist lang: Aufgeführt sind zu schwache Kippbeschläge bei den Fenstern, mangelhafte respektive teilweise fehlende Abdichtungen zwischen Fensterelement und Gebäudehülle, undichte Stossverbindungen der Blendrahmen, falsch angebrachtes Abdichtungsband (auf der Verblendung statt auf den Fensterrahmen), mit Montagewinkeln direkt an die Sichtbetonschale montierte Fensterelemente sowie fehlende Fassadenfugen und statisch mangelhaft dimensionierte Sichtbetonfassaden.

Damit, so der Gutachter, habe der Planer weder die SIA-Normen noch die Regeln der Baukunst eingehalten. Er macht in seinen Ausführungen darauf aufmerksam, dass aufgrund der statischen Unterdimensionierung immer wieder Risse auftreten können. Eine Fassendeninstandsetzung mittels Betonsanierung sei nicht zweckmässig und führe langfristig nicht zum Erfolg. Aus ästhetischer Sicht sei auch eine Beschichtung der Fassaden mit Flüssigkunststoff nicht zu empfehlen.

Hingegen schlägt der Gutachter vor, die Funktionstüchtigkeit der Gebäudehülle durch eine hinterlüftete, vorgehängte Fassade mit einem Luftspalt von mindestens 2,5 Zentimetern zu erreichen. Die Materialwahl und die Art der hinterlüfteten Fassade sei durch den Architekten zu bestimmen.

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