«Ich habe schlecht geschlafen letzte Nacht», sagt Urs Ammann leise. Er fühlt sich nicht wohl, wenn er über sich selbst sprechen muss. Steht nicht gerne im Rampenlicht. Ist lieber der Mann «in der zweiten Reihe», wie er sagt. Die meisten würden ihn wohl als bescheiden bezeichnen – als Tiefstapler gar. Doch dagegen wehrt sich der dreifache Vater vehement. «Ich weiss lediglich, was ich kann und was nicht.» Sätze wie dieser lassen ihn noch bescheidener wirken. Reflektiert. Vielleicht mehr als gut für ihn ist.

Zum Termin erscheint der 55-jährige Lehrer zu früh. «Ich lasse die Leute nicht gerne warten.» Es herrschen Minustemperaturen, er trägt nur Kurzarmhemd und Strickjacke. «Es gibt zwei Arten von Menschen: die schönen und die gut isolierten.» Ammann ist ein stattlicher Mann, die Anzahl Haare im Gesicht übersteigt wohl bald die auf dem Kopf. Ein wenig erinnert er an Papa Moll, passenderweise das Maskottchen von Bad Zurzach, seiner Heimat.

Urs Ammann ist der Mann, der vor einigen Wochen einer Bad Zurzacher Delegation Zutritt zum WEF verschafft hatte – ein eigentlich unmögliches Unterfangen. Das folgende mediale Interesse sei ihm nicht recht gewesen. «Aber da ich selbst für die Zeitung ‹Die Botschaft› schreibe, verstehe ich den Mechanismus.» Und so trat er für einmal aus der zweiten in die erste Reihe. Auch wenn es unbequem war.

Ausländer im eigenen Land

Urs Ammann musste schon früh Bescheidenheit lernen. Der Vater war Maschinenzeichner. Bald nach der Geburt seines Sohnes im Jahre 1959 zog er mit Kind und Kegel aus dem Aargau ins Tessin – er spannte Hochspannungsleitungen kreuz und quer über die Alpen. Der südliche Kanton war für diese Arbeit der beste Ausgangspunkt. So wuchs Urs Ammann mit der italienischen Sprache auf. Die Schule im Tessin gefiel ihm. Sie dauerte jeden Tag von 8 bis 17 Uhr. Man trug Uniformen, hatte die gleichen Etuis, die gleichen Schulmappen, die gleichen Schulranzen. Es herrschte Ordnung, Urs Ammann gehörte dazu.

Dann, 1967, kam die Wirtschaftskrise. Die Geldquellen für die Elektrifizierung versiegten und der Vater musste seine Arbeit aufgeben. Bei der SBB fand er eine neue Stelle und Familie Ammann zog wieder in die Deutschschweiz. Urs kam von einer heilen in eine fremde Welt. «Ich war im Aargau ein ‹Gotthard-Chinese›, ein ‹Spaghettifresser›. Ich war Ausländer im eigenen Land.»

Es war eine schwierige Zeit für den 8-Jährigen. Er sprach neben Italienisch höchstens Bauerndeutsch. Sagte 81 statt 18, dafür gab’s die Eselskappe. Las das Micky Maus Heft auf Italienisch statt auf Deutsch, dafür schlug es ihm der Lehrer um die Ohren. Innerhalb von vier Jahren wechselte Ammann drei Mal die Schule. Trotzdem schwingt keine Bitterkeit mit in seiner Stimme, wenn er von seiner Kindheit erzählt. Er sei dankbar für seine Erfahrungen, für die Einsamkeit. «Ich war gezwungen, viel nachzudenken. Das sehe ich heute als grosses Geschenk.»

Nach der Bezirksschule besuchte er das Seminar mit der Absicht, später Pfarrer zu werden. Doch kurz bevor er sein Studium anfangen wollte, hatte sein Vater einen schweren Autounfall – Überlebenschancen unklar. Urs Ammann musste plötzlich damit rechnen, bald selbst Geld verdienen zu müssen. Er wurde Lehrer, was er bis heute nicht bereut. Der Vater überlebte.

Ein katastrophaler Sprung

Es folgten abenteuerliche Jahre. Ammann entdeckte das Fallschirmspringen. «Das war etwas vom Wichtigsten, das ich in meinem Leben gemacht habe. Beim Fallschirmspringen kann man niemanden ausser sich selbst für Fehler verantwortlich machen.» Ein paar Mal lief alles glatt. Doch der siebte Sprung war eine Katastrophe: Beim Absprung touchierte Ammann das Bugrad des Flugzeugs. Er drehte sich, verlor die Orientierung. Als er schliesslich trotzdem den Schirm zog, verfingen sich die Seile zwischen seinen Beinen – «36 Fäden, da jodelt man ziemlich heftig.» Verstrickt in den eigenen Fallschirm schaffte er knapp die Landung, schlug jedoch heftig auf. Blut. Schmerzen. Überall. Dann kam der Instruktor zu ihm. «Er sagte mir, wenn ich jetzt nicht gleich noch einmal spränge, würde ich es nie mehr tun.» Urs Ammann sprang. Erst als die Beziehung zu seiner heutigen Frau Doris ernst wurde, hörte er auf.

Über 30 Jahre arbeitete Ammann als Lehrer an Primar, Sekundar- und Realschulen. Seit 2011 ist er Schulleiter in Gansingen und Präsident der Bad Zurzacher Finanzkommission. Im Flecken ist er bekannt wie ein bunter Hund. Das liegt einerseits an seinen zahllosen Engagements. Andererseits hat sich Ammann einen Namen gemacht als Mann, der auch ungewöhnliche Ideen umsetzt. 1986 verschüttete eine Gletscherlawine eine Strasse und eine Bahnlinie im Wallis. Ammann, damals Leiter der Zivilschutzstelle Leibstadt, trommelte seine Leute zusammen und eilte zu Hilfe – solch überregionales Denken war damals nicht üblich, eine offizielle Order hatte Ammann nicht. Dafür eine Defizitgarantie des Kernkraftwerks Leibstadt. Einfach, weil er gefragt hatte. Geschichten wie diese weiss er unzählige zu erzählen. Dabei betont er aber stets: «Die wirklichen Leistungen haben andere erbracht. Ich war nur Wegbereiter.» Der Mann in der zweiten Reihe eben.