Samstag, 21. Februar 1970: «Der Tag, der mein Leben veränderte. Ich kann mich noch sehr gut an diesen Tag erinnern. Plötzlich klingelte es an der Haustür. Meine Mutter öffnete und zwei ernst dreinblickende, uniformierte Männer von der Swissair standen draussen. Einige Minuten später kam meine Mutter zu mir und sagte: De Papa chunnt nieme hei.»

Es sind die letzten, berührenden Sätze des Buches, welches die Geschehnisse von Flug Swissair 330 umfassend aufrollt. Die Worte stammen von Ruedi Berlinger. Dem Sohn von Karl Berlinger, dem Piloten des Unglücksfliegers.

Flugzeugabsturz in Würenlingen: "Goodbye Everybody"

Buchautor Arthur Schneider: «Man hat keine Strafverfolgung gemacht und kein Auslieferungsgesuch gestellt.»

An Bord der Swissair-Coronado, die sich auf dem Flug von Zürich nach Tel Aviv befand, explodierte unmittelbar nach dem Start eine Bombe. Kurze Zeit später stürzte die im Frachtraum beschädigte Maschine in den Wald bei Würenlingen. Alle 38 Passagiere und die 9 Besatzungsmitglieder wurden getötet. Die Maschine war Ziel eines Terroranschlags der palästinensischen Splittergruppe PFLP General Command.

Flugzeugabsturz Würenlingen: Er erlebte ihn hautnah

Flugzeugabsturz Würenlingen von 1970: Arthur Schneider erlebte ihn hautnah mit

Zeitzeugen gesucht und gefunden

Ruedi Berlinger war acht Jahre alt, als er seinen Vater verlor. Der Verlust begleitet ihn und seine Familie bis heute. «So etwas kann man nicht vergessen.» Er versteht nicht, warum niemand verurteilt wurde. «Man wusste, wer dahintersteckte und wer dafür verantwortlich war.» Berlinger wühlt die Geschichte auch 45 Jahre später noch auf. Nicht nur ihn: Auch seine Tochter, die ihn am Mittwoch nach Würenlingen in die Aula im Schulhaus Dorf begleitete. Sie wählte für ihre Lehrabschlussarbeit das Thema: Flug Swissair 330.

«Goodbye everybody»: Der Original-Funkspruch vom Swissair-Absturz 1970 bei Würenlingen.

«Goodbye Everybody»: So verabschiedete sich der Pilot von den Passagieren, nachdem die Bombe explodiert war. (Original-Funkspruch)

Es sind unzählige Geschichten, bewegende Einzelschicksale, die um die Tragödie von Würenlingen kreisen. Arthur Schneider hat sie auf 448 Seiten in viel Detailarbeit zusammengefasst. Er schildert die Minuten vor dem Absturz, er porträtiert die Crew, er zeigt anhand von Medienberichten die Dimension der Katastrophe auf (Schneider: «Es war ein Weltereignis») und er führte Dutzende Gespräche.

Schneider suchte Zeitzeugen und er hat sie gefunden. 23 haben sich nach einem Aufruf bei ihm gemeldet. Einer von ihnen ist Werner Nyffeler aus Döttingen, damals 24. Er war an jenem Samstag oberhalb von Würenlingen unterwegs, als er plötzlich ein seltsames Geräusch hörte. «Was ist denn hier los?», fragte er sich. Es war das Heulen der Triebwerke. Sekunden später sah er einen dunklen Flugzeugrumpf, der unkontrolliert und nur wenige hundert Meter von ihm entfernt um 13.33 Uhr in den Wald stürzte.

Die ersten Fernsehbilder vom Absturz schockieren: Doku über das Swissair-Attentat 1970 bei Würenlingen.

Die ersten Fernsehbilder vom Absturz schockieren: Doku über das Swissair-Attentat 1970 bei Würenlingen.

Nyffeler eilte zur Unglücksstelle. Was er sah, lässt ihn bis heute nicht los. Mit blossen Händen sammelte er Leichenteile zusammen. Keines grösser als ein Ohr. «Man funktionierte einfach. Aber es war furchtbar und belastend.» Ein Care-Team gab es nicht. Psychologische Hilfe war zu dieser Zeit noch ein Fremdwort. So wie Nyffeler erging es vielen Personen, die in der Kälte und im Schneetreiben retten wollten, was zu retten ist. Doch es gab nichts mehr zu retten. Er ist einer von zahlreichen Protagonisten im Buch, die ihre Erlebnisse eindrücklich und auf bedrückende Weise schildern.

Die Sehnsucht nach der Wahrheit

Was bleibt, sind die quälenden Fragen, die bis heute unbeantwortet geblieben sind. Der Politik und Justiz stellt Arthur Schneider ein schlechtes Zeugnis aus. «Die Eidgenossenschaft hat mit ihrem Verhalten kläglich versagt und den Attentätern den Rücken gestärkt.» Und: «Warum dürfen die Söhne und Töchter der Toten nicht wissen, ob die Mörder ihres Vaters oder ihrer Mutter bestraft wurden», fragt er anklagend. «Warum erhalten die Angehörigen keine Entschuldigung?»

Flugzeugabsturz in Würenlingen

Hinterbliebener kämpft für Aufklärung: «Das war ein Massenmord.»

Mit dem Buch will der 74-Jährige einen weiteren – vielleicht den letzten – Anlauf unternehmen, um endlich Antworten zu erhalten. Schneider hofft auf die Unterstützung von Bundesrat und Parlament. Es ist die Sehnsucht nach der Wahrheit, die ihn umtreibt. Seit nunmehr 45 Jahren.

Arthur Schneider «Goodbye everybody», 448 Seiten, Flugzeugabsturz Würenlingen 1970. 48 Franken, Gartenstrasse 29, 5303 Würenlingen. arthur.schneider@ruedersaege.ch

Eine Untersuchung von Wolfgang Kraushaar unter dem Titel «Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?» über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Linksextremismus wirft neues Licht auf den Absturz einer Swissair-Maschine bei Würenlingen.

Eine Untersuchung von Wolfgang Kraushaar unter dem Titel «Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?» über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Linksextremismus wirft neues Licht auf den Absturz einer Swissair-Maschine bei Würenlingen.