Eine der einflussreichsten Persönlichkeiten der Schweizer Geschichte kommt aus Bad Zurzach. Emil Welti war von 1867 bis 1891 Bundesrat. Er verhalf dem Bau der ersten Gotthardbahn zum Durchbruch und prägte die Totalrevision der Bundesverfassungsrevision. Seit 2007 setzt sich der Verein «Projekt Biografie Emil Welti» dafür ein, dass das Leben des Politikers, der das 19. Jahrhundert massgeblich mitbestimmt hat, in Buchform erscheint.

Historiker Heinrich Staehelin wurde damit beauftragt, eine Biografie über Welti zu schreiben. Das Werk hätte 2016, pünktlich zur Eröffnung des neuen Gotthard-Basistunnels erscheinen sollen. Doch es kam alles anders. Staehelin erkrankte so schwer, dass er seine Arbeit am Buch aufgeben musste. Wie es weitergeht, erfuhr das Publikum anlässlich eines Sofagesprächs im Park-Hotel Bad Zurzach. Journalist Thomas Färber stellte die neue Autorin Claudia Aufdermauer vor, die das halb fertige Oeuvre nun zu Ende schreiben wird.

Die 34-jährige gebürtige Aargauerin aus Berikon-Widen ist ebenfalls Historikerin. Sie war fünf Jahre lang wissenschaftliche Mitarbeiterin der Alfred-Escher-Stiftung und initiierte die digitale und gedruckte Briefedition des Schweizer Eisenbahnpioniers mit. Deshalb wusste sie bereits viel über Emil Welti und die anderen politischen Schwergewichte jener Zeit, als sie die Nachfolge von Staehelin antrat. Der Erscheinungstermin der Biografie ist nun für 2020 vorgesehen.

Zeit in der Regierung gewidmet

Auf Färbers Frage, wie schwierig es sei, an einem bereits im Entstehen begriffenen Buch weiterzuarbeiten, meinte Aufdermauer gelassen: «Dieses Werk hat nun mal zwei Autoren, ich kann das nicht umgehen.» Doch die biografische Arbeit wurde klug aufgeteilt. Staehelin widmete sich in seinen Kapiteln vor allem Emil Weltis Jugend, seiner Zeit als Gerichtspräsident in Bad Zurzach und seiner späteren Doppelfunktion als Regierungs- und Ständerat. Die neue Autorin geht auf das Wirken von Welti als Bundesrat ein. 1866 wurde er als Nachfolger des Aarauers Friedrich Frey-Herosé in die Landesregierung gewählt und waltete ein ganzes Vierteljahrhundert seines Amtes. Sechsmal war er in dieser Zeit Bundespräsident. Dass Welti als Oberst einen hohen militärischen Rang hatte und sich früh als Befürworter der Gotthardbahn bekannte, habe ihm bei seinem sagenhaften politischen Aufstieg geholfen. «Bestimmt war auch immer etwas Glück mit dabei», schätzt Aufdermauer.

Der Bundesstaat war jung. «Heute gibt es rund 34'000 Bundesbeamte. Zu Weltis Zeit waren es ungefähr 40», weiss die Autorin. Die Haltung der verschiedenen Politiker sei klar gewesen, auch wenn es noch keine Parteien gegeben habe. «Welti war einerseits liberal, wollte aber auch mehr Staat. Berührungsängste gegenüber Menschen anderer Gesinnung hatte er keine.» Im Gegensatz zu seinem Weggefährten Alfred Escher, der nur mit «seinesgleichen» zu kommunizieren pflegte. Der einflussreiche Zürcher Politiker und Direktionspräsident der Gotthardbahn zog mit Bundesrat Welti am selben Strick. Das änderte sich, als Nachsubventionen für den Weiterbau der Alpentransversale fällig wurden, die das Stimmvolk ablehnte. Escher trat aus dem Direktorium zurück. Die zwei politischen Schwergewichte gingen im Streit auseinander.

Vor kurzem kamen gleich zwei Bücher über Lydia Welti Escher auf den Markt. Die einzige Tochter von Alfred Escher heiratete 1883 Emil Weltis Sohn Friedrich. Die unglückliche Ehe, ihre Liaison mit Karl Stauffer-Bern, die Einweisung ins Irrenhaus und ihr Suizid geben den Stoff her, aus dem Filme gemacht werden. Aufdermauer wird in der Biografie auch auf dieses Thema eingehen. So sachlich wie möglich.

Und wie war Emil Welti privat? «Er lief Schlittschuh, rauchte Zigarre, ging gern ins Theater und ab und zu auf die Jagd», beschreibt sie ihn und fügte hinzu, «am besten konnte er sich allerdings bei der Arbeit erholen.» Man darf gespannt sein, was Aufdermauers weitere Recherchen über Welti als Privatmann und Bundesrat zutage bringen.