Letzten Sonntagvormittag in Wislikofen. Eine unangenehme Bise zieht durchs enge Tal, das durch die zwei lang gestreckten Hügel des Tafeljuras begrenzt wird. Unten im Dorf ist es beinahe menschenleer. Nur im Zentrum stehen einige Passanten und unterhalten sich. Wir hören rein. Diskutiert wird über das Thema, das die Leute derzeit in Wislikofen und in weiten Teilen des Zurzibiets momentan umtreibt.

Nun wird es also konkret: Am Donnerstag steht eine wegweisende Abstimmung für das Projekt Rheintal+ an. Erstmals bezieht das Volk zu einer mögliche Grossfusion Stellung. Es ist quasi der erste Belastungstest. In der Propstei in Wislikofen findet um 20 Uhr die Gemeindeversammlung statt. Nicht irgendeine, sondern eine ausserordentliche. Das Ausserordentliche daran: Es ist eine von zehn Veranstaltungen, die zwischen Rietheim im Westen des Zurzibieter Rheintals und Kaiserstuhl am östlichsten Ausgang des Bezirks zeitgleich durchgeführt werden. Auch in Bad Zurzach, Baldingen, Böbikon, Fisibach, Mellikon, Rekingen, und Rümikon befindet sich nur das eine Geschäft auf der Traktandenliste.

Abgestimmt wird über ein ambitiöses Vorhaben. Zur Diskussion steht nicht ein Zusammenschluss. Dieser wäre im besten Falle in drei Jahren realisierbar. «Am Donnerstag wird einzig über den Kreditantrag für eine vertiefte Prüfung einer möglichen Fusion abgestimmt», sagt Projektleiter Peter Weber. Dennoch dürfte das Ergebnis wertvolle Aufschlüsse geben, wie die Bevölkerung dem Gedanken einer Ehe der Rheintal-Gemeinden grundsätzlich gegenüber steht.

Weber begleitet die involvierten Gemeinden seit Beginn vor nunmehr zwei Jahren. Unzählige Gespräche hat er seither geführt. Er hat ein gutes Bauchgefühl, aber eine Prognose wagt er nicht. Aus nachvollziehbarem Grund: Gegner machen seit Tagen ihre ablehnende Haltung öffentlich: In Fisibach oder Kaiserstuhl steht beispielsweise auf Transparenten: «Rheintal+ Nein!» oder «Rhein aufwärts liegt uns näher. Nein am 6. April.»

Noch viele offene Fragen

Die kleine Gruppe in Wislikofen will sich ihrerseits noch nicht festlegen. «Das Projekt bietet zweifellos interessante Perspektiven, aber auch Gefahren.». Die Angst vor dem Verlust der eigenen Identität spreche dagegen; die Chance, die Kräfte zu bündeln, im Aargau eine stärkere Stimme zu erhalten und endlich ernster genommen zu werden, dafür.

Käme ein Zusammenschluss dereinst zustande, entstünde im Grenzgebiet entlang des Rheins eine Gemeinde mit 8000 Einwohnern und 34,5 Quadratkilometern Fläche. Den grössten Anteil an der Bevölkerung hätte Bad Zurzach mit derzeit 4200 Einwohnern. Kaiserstuhl, heute mit 32 Hektaren der flächenmässig kleinste Ort der Schweiz, wäre auf einen Schlag Teil der grössten Gemeinde des Kantons Aargau. Mit einem Ja würde am Donnerstag der Weg frei für die Arbeitsgruppen, die sich mit den massgeblichen Punkten in der nächsten Phase ab Juni vertieft auseinandersetzen würden.»

In Wislikofen und talabwärts entlang des Rheins machen sich die Menschen derweil Gedanken über den effektiven Nutzen. Die drängendsten Fragen, die zu hören sind: Wirkt sich eine mögliche Fusion tatsächlich positiv auf den Steuerfuss aus? Wie würde eine gemeinsame Verwaltung organisiert? Bleibt der Einkaufsladen im Dorf? Wo gehen unsere Kinder zur Schule?

Einen wertvollen Hinweis zur Stimmungslage lieferte die Infoveranstaltung im Fisibacher Ebianum Ende Januar. Nebst den vielen wohlwollenden Stimmen wurden unüberhörbar auch kritische Töne laut. Zur Überraschung auch von beteiligten Ammännern. Rietheims Vorsteher Beat Rudolf machte aus seinen Vorbehalten kein Geheimnis: Er fürchtet um die Eigenständigkeit. Es müsse den Leuten klar gemacht werden, dass sie nicht etwas verlieren. «Die Bevölkerung muss intensiv miteinbezogen werden. Politisieren wir an ihr vorbei, haben wir keine Chance.»

Ob die treibenden Kräfte des ehrgeizigen Projekts die Menschen von ihren Plänen tatsächlich überzeugen können, wird sich am Donnerstag zeigen. Seit dem Anlass in Fisibach haben sie mit Hochdruck auf den Anlass hingearbeitet. Die Wisliker, die wir am Sonntagvormittag antreffen, werden ebenfalls anwesend sein und, wie sie sagen, genau zuhören – und dann ihren Entscheid treffen.