Während sich die Mitarbeiter von Weibel Möbel in die Mittagspause verabschieden, bittet uns Inhaber Michael Weibel, an einem Esstisch im Ausstellungsbereich Platz zu nehmen. Der Tisch der Schwäbischen Firma Kettnaker ist von 6300 auf 2900 Franken reduziert und hat bereits einen Käufer gefunden, wie Michael Weibel erklärt. Während des Interviews klebt ein Arbeiter der Firma Zollinger den Schriftzug «Total-Ausverkauf wegen Geschäftsschliessung» an die raumhohen Schaufenster rund um das Erdgeschoss. Darunter steht noch, als Überbleibsel aus den guten alten Zeiten: «Einrichten aus Leidenschaft. Weibel Möbel.»

Michael Weibel, wie belastend waren die vergangenen Tage und Wochen für Sie?

Michael Weibel: Die letzten Tage waren sehr schwer. Einerseits waren sie emotional wegen der bevorstehenden Schliessung des Geschäfts, andererseits kam hinzu, dass Ihre Zeitung die Schliessung bekannt gab, ohne Rücksprache mit mir zu halten. Statt von mir persönlich erfuhren die treusten Kunden aus der Zeitung, was mit Weibel Möbel passiert.

Wann realisierten Sie, dass sich Ihre Firma in einer Schieflage befindet?

Ich würde nicht sagen, dass wir uns in einer Schieflage befinden. Aber die Zukunftsaussichten für Weibel Möbel sind alles andere als rosig. In einer Analyse stellten wir fest, dass sich das Kundenverhalten in den letzten Jahren massiv gewandelt hat. Der Online-Markt wächst exponentiell und nimmt uns viele Kunden weg.

Wie schlimm ist denn die Situation?

In eineinhalb bis zwei Jahren wären wir wohl in den Bereich gekommen, in dem es richtig wehtut. Aber Stand heute sind wir keinesfalls von einem Konkurs bedroht. Schauen Sie: Es gibt uns jetzt seit 150 Jahren. Da müssten wir uns schon ziemlich ungeschickt anstellen, um gänzlich im Elend zu versinken.

Wer hat letztlich entschieden, die Tore von Weibel Möbel zu schliessen?

Das war ich. Anfang August.

Aber Sie haben bestimmt auch Ihren Vater Peter Weibel, der das Geschäft von 1985 bis 2002 leitete, zurate gezogen?

Natürlich habe ich die Situation mit ihm angeschaut. Er war es, der mir die Firma übergeben hat. Er erteilte mir den Auftrag, das Beste daraus zu machen und die Weibel Gruppe weiterzuentwickeln. Aber auch er kam bei der Analyse zum Schluss, dass wir jetzt handeln müssen, dass der Fall jetzt noch abfederbar ist. Er gab mir allerdings auch zu verstehen, dass die Entscheidung bei mir liegt, dass ich am Ruder sitze und den Entscheid tragen müsse. So, wie es auch meine Vorfahren schon taten.

Wie haben die anderen Mitglieder der Weibel-Familie auf die Schliessung reagiert?

Diejenigen, die ich erreicht habe, haben sehr verständnisvoll reagiert.

Wie sieht es in Ihrem Innersten aus? Es muss sehr schwer sein, ein Geschäft in 5. Generation nach 150 Jahren zu schliessen.

In meinem Büro an der Wand vor mir hängen die Bilder meiner Kinder, im Rücken jene meiner Vorgänger. Nur schon das Ertragen dieser Situation war alles andere als einfach. Ich hatte schlaflose Nächte, sicher. In den letzten Jahren ist das Pensum meiner Mitarbeiter und von mir stetig gestiegen. Wir schufteten sechs bis sieben Tage pro Woche, damit Ende Jahr das Ergebnis stimmte. Ich will nicht sagen, dass dieser Entscheid jetzt einer Erlösung gleichkommt, aber irgendwann ist einfach der Punkt erreicht, an dem man den Leuten nicht mehr abverlangen kann.

Der Deal mit der Raiffeisenbank kam schnell zustande?

Das Wort Deal tönt etwas seltsam. Es gab auch zwei Angebote, die finanziell besser waren als jenes der Raiffeisenbank. Der Name und das Konzept der Käuferschaft haben mich überzeugt. Es ist der richtige Entscheid; für den Kopf und für das Herz. Die Raiffeisenbank ist ein würdiger Nachfolger. Weil im Lagerhaus hinter dem Geschäft Mietwohnungen entstehen, ist es mir wichtig, dass im Geschäft vorne nicht irgendein Discounter Einzug hält.

Wann haben die zwölf Mitarbeiter von der Schliessung erfahren?

Ich habe am 12. August alle an einem Tisch versammelt und informiert.

Wie haben sie reagiert?

Nachdem ich mit jedem auch das Einzelgespräch gesucht hatte, fragte ich die Mitarbeiter, ob sie die Energie hätten, am Nachmittag zu arbeiten. Sie sagten: «Klar, wir öffnen und kämpfen bis zum Schluss.» Das war die Reaktion, die ich mir erhofft hatte.

Keine Tränen?

Ich habe keine gesehen. Wenn, dann kamen sie von mir.

Möbel Weibel stand bereits Ende der 90er-Jahre vor der Schliessung. Dann kamen Sie und schafften den Umschwung. Was war diesmal anders?

Die Geschwindigkeit, mit der sich alles entwickelt. Der Markt ist heute nicht mehr berechenbar. Wenn ich die Verkaufszahlen der letzten Jahre übereinanderlege und dann die Monate vergleiche, kann ich kein System mehr erkennen. Die guten Zahlen zwischen Weihnachten und Neujahr sind die einzige Konstante.

Haben Sie zu lange am Standort Endingen festgehalten?

Ende der 90er-Jahre gab es Überlegungen, den Standort zu wechseln. Aber der Landerwerb an einer viel befahrenen Verkehrsachse hätte unser Budget überstiegen. Eine Analyse damals ergab zudem, dass jeder vierte Haushalt im Einzugsgebiet bei uns einkauft. Wir waren regional also sehr stark verankert. Heute gehen die Leute immer mehr in den grossen Zentren einkaufen. Da können wir nicht mithalten.

Können Sie Leute verstehen, die im Internet Möbel kaufen?

Sehr gut sogar. Zeit ist heutzutage ein rares Gut. Im Internet geht alles schnell und rund um die Uhr. Was ich nicht verstehen kann, sind Leute, die sich bei uns beraten lassen, um danach trotzdem im Internet einzukaufen.

Können Sie Leute verstehen, die im grenznahen Ausland billig einkaufen?

Ich bin für die freie Marktwirtschaft. Man muss aber auch unsere Kaufkraft beachten. Ich meine: Wer einen anständigen Batzen verdient, darf auch einen anständigen Batzen investieren. Ich hätte ja auch die Möglichkeit gehabt, billigere, ausländische Mitarbeiter einzustellen. Das entspricht aber nicht meinen Grundsätzen. Bei Leuten, die weniger verdienen, habe ich kein Problem, wenn sie im Ausland einkaufen.

Wurden in Ihrer Ära Fehler gemacht?

Ja. 2008, während der Finanzkrise, stellten wir unser Sortiment um. Wir investierten in starke Marken. Wer damals noch kaufte, wollte Möbel mit einem guten Namen. Als die Leute langsam wieder in Kauflaune kamen, hatten wir keine No-Name-Produkte mehr im Sortiment. Das war nicht gut für uns. Die Kunden, die ins Geschäft kamen, kauften nichts, der Umsatz brach ein. Das habe ich zu lange nicht wahrgenommen und unterschätzt.

Weshalb haben Sie 2013 die Geschäftsleitung an Patrick Müller abgegeben?

Meine Frau und ich bekamen Zwillinge, deshalb wollte ich mehr für die Familie da sein. Patrick und ich arbeiteten seit meinen Anfängen zusammen, haben uns immer gut verstanden, haben die gleiche Denkweise.

Sehen Sie Schwarz für die Schweizer Möbelbranche?

Ich denke, die Preise wurden längst nach unten angepasst und der gebotene Service ist gut. Das Problem ist, dass die Leute gar nicht mehr ins Geschäft kommen, um sich umzuschauen. Wenn die Leute wieder reinschauen und den Geschäften eine Chance geben, kommt es gut. Aber der Online-Handel lässt sich nicht aufhalten.

Stellt Ihr Rückzug für die Zulieferer ein Problem dar?

Für vier, fünf Lieferanten sind wir ein grosser Kunde. Wir haben das Gespräch und Lösungen gesucht. Das Bedauern der Zulieferer ist auf jeden Fall gross.

Und aus dem Lagerhaus hinter uns werden nun Mietwohnungen?

Richtig. Das Möbelhaus gibt es zwar nicht mehr, unsere Immobiliengesellschaft existiert aber weiter. Im Lagerhaus sollen rund 20 Wohnungen entstehen, die in etwa 2 Jahren bezugsbereit sind.

Werden Sie nun Immobilien-Verwalter?

(Lacht.) Aufgegleist ist eine externe Verwaltung, damit ich über meine Zukunft frei entscheiden kann. Was aus mir wird, ist nach wie vor offen.

Offen ist auch noch das Geschäft. Bis Ende November?

Ja. Und der Ausverkauf läuft sehr gut. Die Leute freuts. Bald kommen noch die bestellten Möbel von der Messe in Mailand. Im Dezember ziehen wir aus, damit die Raiffeisenbank die Räumlichkeiten übernehmen kann.