Bad Säckingen (D)

Nach Schädelfund: Was passiert jetzt? Ein Rechtsmediziner gibt Antworten

In diesem Wäldchen beim Bad Säckinger Bergsee fanden Spaziergänger zwischen Weihnachten und Neujahr einen Schädel – derzeit läuft eine Kohlenstoffdatierung. Andreas Gerber/Archiv

In diesem Wäldchen beim Bad Säckinger Bergsee fanden Spaziergänger zwischen Weihnachten und Neujahr einen Schädel – derzeit läuft eine Kohlenstoffdatierung. Andreas Gerber/Archiv

Der Basler Rechtsmediziner Holger Wittig erklärt die Untersuchungen nach dem Schädelfund in Bad Säckingen.

An Weihnachten wurde beim Bad Säckinger Bergsee ein skelettierter Schädel gefunden. Die Polizei in Waldshut steckt mitten in den Ermittlungen und gibt deshalb vorerst keine Details bekannt. Die Untersuchungen am Schädel sind nach wie vor nicht abgeschlossen. Eine Spur führt nach Kleindöttingen: 19 Jahre ist es her, seit Gina Hauenstein aus dem Dorf im Zurzibiet vermisst gemeldet wurde. Ein Oberschenkelknochen von ihr wurde vor einigen Jahren am Rheinufer in Dogern gefunden. Rechtsmediziner gleichen nun ihre DNA mit der DNA des Schädels ab, den ein Pilzsammler am Bad Säckinger Bergsee fand.

Was bei einer solchen Untersuchung passiert, weiss der Rechtsmediziner Holger Wittig vom Institut für Rechtsmedizin der Universität Basel. Er erklärt das Stufenschema – das in der Rechtsmedizin bei einem Schädelfund angewendet wird – Schritt für Schritt.

1. Tier oder Mensch?

Bei dieser Frage ist wichtig, ob der Schädel komplett ist oder nicht: «Wenn er ganz ist, lässt sich das einfach feststellen. Wenn wir nur Bruchstücke haben, kann das schwierig werden», sagt Wittig.

2. Weiblich oder männlich?

Wird von einem menschlichen Schädel ausgegangen, stellt sich die Frage des Geschlechts. Dieses wird an den morphologischen Merkmalen festgemacht. Darunter versteht man die äusserlichen sichtbaren Unterschiede in Form und Grösse. Laut Wittig ist diese Feststellung vor allem schwierig bei androgynen Personen: Jemandem, dem zu Lebzeiten bereits nicht direkt anzusehen war, welchem Geschlecht er zugeordnet wird. «Dann werden Messungen an bestimmten Knochenpunkten gemacht, um festzustellen ob die Person eher männlich oder weiblich war», sagt Wittig. «Grosse ethnische Gruppen wie zum Beispiel Asiaten lassen sich am äusseren Schädel auch schnell abgrenzen.»

3. Wie alt war die Person?

Dieser Punkt wird laut dem Wissenschafter schon schwieriger: Wichtig sind die Zähne. «Wenn ein Schädel schon länger liegt, fallen die Zähne auch aus.» Wenn die Zähne vorhanden sind, lässt sich das Alter mit Einschränkungen schätzen: Bis zum Abschluss des Zahnwachstums geht das relativ genau. Danach wird es schwieriger und das Alter lässt sich meistens nur noch in einem Zehnjahreszeitraum eingrenzen. Zusätzlich können die Rechtsmediziner die Verknöcherung der Schädelnähte untersuchen: Mit zunehmenden Alter verknöchern diese immer mehr oder verschwinden ganz. Aber auch hier gibt es eine grosse Schwankungsbreite.

4. Die Liegezeit

Beim Bad Säckinger Fall gab die Polizei früh bekannt, dass der Schädel zu einer Frau gehört, deren Tod vor mindestens fünf Jahren eintrat. «Das Schwierigste bei der Beurteilung von Knochenfunden ist, festzustellen, wie lange diese irgendwo gelegen haben», sagt Wittig. Wenn ein skelettierter Schädel trocken gelagert wird, kann er 20 oder 100 Jahre im Schrank liegen und verändert sich nicht. In diesem Fall lässt sich auch keine Liegezeit feststellen. Anders sieht es aus, wenn der Schädel mit Erde in Berührung kommt: PH-Wert, Feuchtigkeit und Konsistenz des Erdbodens haben einen Einfluss auf die Zersetzung.

«Nach fünf Jahren würde ich erwarten, dass da vielleicht noch leichte Gewebereste am Schädel sind», so Wittig. «Wenn wir dann aber einen Sommer haben wie 2018 und die Leiche bei 30 Grad offen im Wald liegt, dann kann diese innerhalb von wenigen Wochen skelettiert sein.» Laut Wittig fressen Aasfresser wie Insekten und weitere Tiere dann alles weg. Unter der Erde dauert die Zersetzung viel länger.

5. Gibt es Beschädigungen?

Hierbei wird in drei Kategorien unterschieden: Beschädigungen, die frisch sind und zum Beispiel bei der Bergung entstanden sind. Zweitens Verletzungen, die zu Lebzeiten entstanden sind und schon Zeichen der Wundheilung zeigen. Und perimortale Verletzungen, die kurz vor dem Tod entstanden sind, vielleicht sogar zum Tod geführt haben oder erst nach Eintritt des Todes zugefügt wurden. «Die perimortalen Verletzungen können wir meistens nicht mehr differenzieren. Bei einer oder mehreren perimortalen Verletzungen muss auch ein Gewaltdelikt in Betracht gezogen werden.»

6. Mögliche Identifikation

Hier beginnt die Arbeit der Polizei: Bis hier haben die Rechtsmediziner das ungefähre Lebensalter bei Eintritt des Todes und das Geschlecht festgestellt. Die Polizei durchsucht in diesem Rahmen die Vermisstenfälle der vergangenen Jahre. Dann wird geschaut, ob es irgendwelche Möglichkeiten gibt, den Schädel zu identifizieren. Am schnellsten geht das mit den Zähnen. Beim Zahnarzt der vermissten Personen lassen sich Befunde und Aufzeichnungen über den Zahnstatus abfragen.

«Idealerweise gibt es ein Röntgenbild des Schädels von der Person», sagt Wittig. «In den allermeisten Fällen wird man einen Schädel damit identifizieren können.» Bei der Identifikation hilft auch chirurgisches Fremdmaterial: wie Schrauben, Platten oder sichtbare Bohrlöcher von Operationen und Folgen von Hirnoperationen. «Wenn es Vergleichsmaterial wie ein Röntgenbild des Schädels gibt, können auch die Nasennebenhöhlen Hinweise auf die Identität geben», so der Forensiker. «Diese sind bei jedem Menschen hochindividuell, wie ein Fingerabdruck.»

Das Gleiche gilt für die DNA: Je älter ein Schädel ist oder je länger er im Freien gelegen hat, desto schwieriger wird es, DNA zu finden, die zur Analyse taugt. Denn diese zersetzt sich mit der Zeit. «Gerade eine alte DNA zu analysieren, ist nicht so einfach. Das macht man nicht als Routine so nebenbei im Labor. Das braucht sehr viel Aufmerksamkeit und Erfahrung und dauert dementsprechend lange», sagt Wittig. Mit der Identifikation des Schädels steht und fällt auch, ob der Fall weiter als ein Kriminalfall behandelt wird. Kann die Person nicht zugeordnet werden, stellt die Polizei irgendwann die Ermittlungen ein.

7. Spezialuntersuchungen

Laut dem Rechtsmediziner sind in den allermeisten Fällen die Untersuchungen mit Schritt sechs abgeschlossen. Nur bei speziellen Fragestellungen wird man weitere und aufwändigere Untersuchungen anschliessen wie zum Beispiel die Isotopenuntersuchung. «Diese lässt sich anwenden, wenn man wissen will, wo die Person in den letzten Jahren vor Eintritt des Todes gelebt hat», sagt Wittig. Mit seiner Nahrung nimmt der Mensch bestimmte Elemente aus seiner Umgebung auf, speziell durch das Trinkwasser. Diese reichern sich in den Knochen an. «Die Untersuchungen sind nicht einfach und kostenintensiv», so der Wissenschafter. Forscher fanden so zum Beispiel heraus, in welchem Tal in Tirol Ötzi lebte. «Das ist High-End-Wissenschaft. Ich denke, das spielt für den gewöhnlichen Schädelfund im Wald erst mal keine Rolle», sagt Wittig.

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