Flugverbot gefordert

Nach Kühlturmvideo aus Leibstadt: Wie gefährlich sind Drohnen für AKWs?

Mit der Drohne über das Kernkraftwerk Leibstadt: Mit diesem Video wollte der Döttinger Jürg Knobel auf eine Gesetzeslücke aufmerksam machen.

Mit der Drohne über das Kernkraftwerk Leibstadt: Mit diesem Video wollte der Döttinger Jürg Knobel auf eine Gesetzeslücke aufmerksam machen.

Das Video eines Aargauer Drohnenpiloten wirft hohe Wellen. Der Döttinger flog seine Kameradrohne mehrmals über das Atomkraftwerk Leibstadt. Stimmen aus der Bevölkerung fordern aus Angst vor Terror ein Flugverbot. Das fordert auch das AKW – allerdings aus anderen Gründen.

Jürg Knobel wollte auf eine Gesetzeslücke aufmerksam machen, die es aus seiner Sicht zu schliessen gilt: In der Schweiz kann jeder mit seiner Drohne über eine Kernkraftanlage fliegen. 

Der Drohnenpilot aus Döttingen machte das und veröffentlichte das Video im Internet. Darin ist unter anderem zu sehen, wie Knobel seine Kameradrohne durch den Wasserdampf über dem Kühlturm des Kernkraftwerks Leibstadt (KKL) steuert. Zudem hat er mithilfe seiner Drohne einen Blick in den derzeit dampflosen Kühlturm gewagt – die Kernkraftanlage in Leibstadt ist zwecks regulärer Revision vom Netz.

Die Empörung war gross. Ein Absturz des unbemannten Fluggeräts in den Kühlturm hätte «unter Umständen einen erheblichen Schaden anrichten» können, gab Karin Giacomuzzi, Mediensprecherin des KKL, am Dienstag gegenüber der az zu bedenken.

Braucht es für Drohnen ein Flugverbot über Schweizer AKW? Eine Frage, die sich folgedessen nicht mehr nur Jürg Knobel stellte, sondern auch zahlreiche Personen in den Kommentarspalten der Schweizer Newsportale.

«Unglaublich, welche laschen Gesetze wir hier in der Schweiz haben!», heisst es da etwa. «Diese Anlagen sind derart schlecht geschützt dass einem übel wird», schreibt ein Kommentator, «Ich finde das beängstigend», ein anderer. Die Aktion würde zeigen, «wie simpel es eigentlich wäre, dass etwas passiert». Es ist von «Sprengstoffpaket» und «Störfall» die Rede.

Ensi: «Flugverbotszone wünschenswert»

Karin Giacomuzzi sagt auf Anfrage am Mittwoch: «Ja, so ein Flugverbot würden wir sicher begrüssen – zum Schutz von Mitarbeitern und Anlage.»

Und auch Anton Treier, Sprecher des eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi), haut in dieselbe Kerbe: «Es wäre wünschenswert, in einem bestimmten Umkreis der Schweizer Kernkraftwerke eine geschützte Luftsäule mit Flugverbot zu verordnen.» Offen ist aber für das Ensi, «ob sich eine solche Flugverbotszone bei böswilligen Absichten beim heutigen Stand der Technik durchsetzen liesse». 

Der allfällige Schaden im Kühlturm 

Dem KKL geht es hier aber nicht etwa um die Verhinderung einer atomaren Katastrophe. «Dem Reaktor könnte ein solcher Drohnenflug nichts anhaben», sagt Giacomuzzi. Wohl aber den Stromleitungen oder den Einbauten im Kühlturm.

«Dort befindet sich eine mehrschichtige Wabenkonstruktion aus Kunststoff, die der Abkühlung des Wasserdampfes dient.» Beim Absturz einer Drohne könnte deren oberste Schicht teilweise beschädigt werden.

Auf den Betrieb des Kernkraftwerks hätte ein solcher Schaden laut Giacomuzzi keinen Einfluss. Eine Reparatur wäre «vermutlich» nicht sofort nötig, sondern würde erst mit der Jahreshauptrevision erfolgen – Schäden seien deshalb mit zusätzlichem Aufwand verbunden.

Anton Treier vom Ensi ergänzt: «Die Hüllen der Reaktoren sind selbst für den Fall eines Absturzes bemannter Luftfahrzeuge ausreichend geschützt.»

Dennoch: «Wir beobachten das Thema Drohnen schon seit mehreren Jahren», sagt Treier. Zu konkreten Schutzmassnahmen hält sich das Ensi bedeckt – diese lege man aus Sicherheitsgründen nicht im Detail dar. «Allfällige Flugeinschränkungen im Bereich von Kernanlagen» seien in Gesprächen mit dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) thematisiert worden. «Dabei hat sich das Ensi für Beschränkungen ausgesprochen», so Treier.

«Flugverbotszone nicht gerechtfertigt»

Handlungsbedarf gab es bisher aber aus Sicht des Bazl nicht. «Drohnen stellen für Kernkraftanlagen kein Sicherheitsrisiko dar, welches das Errichten einer Flugverbotszone rechtfertigt», sagt Urs Holderegger, Leiter Kommunikation des Bazl.

Doch Holderegger bestätigt: «Der Druck nach mehr Regulierung für Drohnenflüge kommt von allen Seiten.» Das Bazl stehe diesbezüglich im Spannungsfeld zwischen dem Ruf nach Regulierungsabbau und dem Wunsch nach strengeren Gesetzen. In der Schweiz versuche man da immer «einen gewissen Ausgleich» zu finden, so Holderegger, deshalb unterscheide sich die Schweizer Gesetzgebung auch im Fall der Drohnen von jener der Nachbarländer.

Nicht zuletzt wolle man die Entwicklung, die auch positive Aspekte mit sich bringe, «nicht mit einer Überregulierung ersticken».

Was aber allfällige Schäden an Atomkraft- oder anderen Anlagen betrifft: Für diesen Fall braucht jeder Drohnenpilot eine Haftpflichtversicherung für den Betrag von mindestens einer Million Franken.

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