Der heute 48-jährige Stefan Küng streichelte vor zehn Jahren als Pfarrer im Thurgau einem damals knapp 16-Jährigen bei sich zu Hause von hinten mit gespreizten Beinen unter dem T-Shirt über den nackten Oberkörper, küsste ihn auf den Nacken und massierte ihm beim DVD-Schauen zweimal die Füsse.

Küng selber sowie der Präsident der Pfarrwahlkommission, Stefan Suter, sprachen bis anhin nur von einer harmlosen Fussmassage. So auch am Donnerstag, als sie die Pfarrei-Mitglieder über die Vorgänge und Gründe für die Wahl informierten.

Mit der Enthüllung des Strafbefehls durch die bz wurde der Druck auf Stefan Küng zu gross: Dieser zog am Dienstag seine Kandidatur für das Priesteramt bei der römisch-katholischen Pfarrei St. Franziskus Riehen-Bettingen zurück, wie Stefan Suter in einem Communiqué mitteilte.

Der Rückzug von Stefan Küng sei sehr bedauerlich, weil er als Seelsorger äusserste Beliebtheit genoss, schreibt Suter. Die psychische Belastung habe bei Stefan Küng indessen ein Ausmass angenommen, welches ohne Inkaufnahme einer gesundheitlichen Schädigung nicht mehr verkraftbar sei.

Suter betont im Communiqué wiederum, dass mehrere Gutachten festgestellt hätten, dass bei der Tat vor zehn Jahren keinerlei sexuelle Motivation im Spiel gewesen sei. Zudem habe ein weiteres unabhängiges Gutachten «in Kenntnis aller Fakten» bestätigt, dass inskünftig keine Gefahr für Übergriffe bestehe.

Stefan Suter schiebt im Communiqué die Schuld für Stefan Küngs Rückzug auf andere ab. «Es hat sich leider gezeigt, dass solche Expertenmeinungen nicht überall gefragt sind, sondern dass zum Teil ein Rigorismus vorherrscht, bei dem Mitmenschlichkeit und Barmherzigkeit hinten angestellt werden.»

Küng um Kandidatur gebeten

Wie bereits in den vergangenen Wochen wollte Stefan Küng wieder nicht mit Medien reden. Er und auch Stefan Suter müssen sich nun die Frage stellen lassen, wieso sie nicht von Beginn weg alle Karten und somit die ganze Wahrheit auf den Tisch gelegt haben. Eine Anfrage dahingehend liess Stefan Suter unbeantwortet.

Pikant an der Geschichte ist die Tatsache, dass Stefan Küng, der bereits seit mehreren Jahren als Seelsorger in der Pfarrei St. Franziskus arbeitet, nicht von selber aus für das Priesteramt kandidiert hatte, sondern von der Pfarrwahlkommission dazu gebeten wurde.

Am Informationsabend warnte Suter davor, auf Stefan Küng als zukünftigen Priester zu verzichten. Dieser habe bereits Anfragen von anderen Pfarreien erhalten, und das Angebot an jungen, motivierten Pfarrern sei schweizweit klein. Küng war in weiten Teilen der Pfarrei als Seelsorger beliebt. Dies zeigte sich auch am Informationsabend, als er von der Mehrheit der rund 150 Anwesenden grosse Zustimmung erfuhr. Doch es gab auch kritische Stimmen.