Letzte Sonntagnacht war für Edith Vögele kurz und nervenaufreibend. An Schlaf war nicht zu denken. Sie verfolgte zu Hause in Leuggern im Liveticker den Final ihrer Tochter am WTA-Turnier in Acapulco. Die Mutter der Tennisspielerin Stefanie Vögele durfte lange auf den ersten Turniererfolg ihrer Tochter auf der Profitour hoffen.

Zwölf Jahre hatte es gedauert, ehe sie erstmals den Einzug in ein Endspiel schaffte. Auf ihren ersten Triumph auf der höchsten Frauenstufe muss sich Vögele allerdings weiter gedulden.

7:5, 4:2 und 30:0 stand es. Zwei Punkte fehlten Vögele zum 5:2 im zweiten Satz, als sie den Match noch aus den Händen gab. «Hätte sie dieses Game gewonnen, hätte es vielleicht zum Sieg gereicht», sagt Mutter Edith. Es kam anders: Die Ukrainerin Lesia Zurenko setzte sich nach dreistündigem Abnützungskampf schliesslich in drei Sätzen durch.

«Natürlich benötigte ich einen Moment, bis ich die Niederlage verdaut hatte», sagt Stefanie Vögele. Dem Ärger wich rasch die Freude. Die Leuggermerin machte sich trotz der Niederlage ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk. Diesen Samstag wird Vögele 28 Jahre alt.

50 Ränge und 20 000 Dollar

Den positiven Gesamteindruck an der mexikanischen Pazifikküste kann die Finalniederlage nicht schmälern. «Ich habe eine tolle Woche erlebt, die ich so nicht erwarten durfte», sagt Vögele. Auf ihrem Weg ins Endspiel bezwang sie unter anderem die aktuelle Nummer 13 der Welt und amtierende US-Open-Siegerin Sloane Stephens.

Vögele bezeichnet das Abschneiden in Acapulco als ihren bisherigen Karrierehöhepunkt – der sich neben dem Preisgeld von 20 000 US-Dollar auch im Ranking bezahlt machte. Mit der Finalqualifikation verbesserte sie sich in der Weltrangliste um über 50 Ränge. Neu liegt sie auf Platz 127.

Die Auftritte ihrer Tochter in Mexiko hatten für Mutter Edith einen schönen Nebeneffekt. Stefanie änderte kurzerhand die Pläne. Vögele wollte Acapulco ursprünglich als Vorbereitung für das Turnier in Indian Wells bestreiten, das in dieser Woche stattfindet. Durch ihr Vorstossen in den Final geht sie nun erst in zehn Tagen in Miami wieder an den Start.

Die Aargauerin siegte im Halbfinal gegen die Schwedin Rebecca Peterson, die 139. der Weltrangliste:

Vögele kehrte darum am Montagabend in die Schweiz zurück. Nebst den Umarmungen und den Gratulationen von Freunden und Familie gabs von Muter Edith quasi als Belohnung das Lieblingsessen: Gschwellti mit Käse.

Das Erfolgserlebnis in Mexiko kommt für Stefanie Vögele zum richtigen Zeitpunkt. Die letzte Saison verlief für sie alles andere als wunschgemäss. Eine hartnäckige Handverletzung setzte sie nach den Australian Open fast ein halbes Jahr ausser Gefecht. Die lange Pause nahm sie bewusst in Kauf. Einige Ärzte rieten ihr zu einer Operation, Vögele zog eine konventionelle Behandlung vor. «Es war die richtige Entscheidung», sagt sie rückblickend. Mithilfe eines Ergotherapeuten spielt sie heute wieder beschwerdefrei.

Den Tod des Vaters verarbeitet

Der lange Unterbruch hatte für Vögele noch einen weiteren positiven Effekt: Sie nutzte die tennisfreie Zeit für Dinge, die in ihrem Leben in den letzten Jahren zu kurz kamen. Sie verbrachte viel Zeit zu Hause in Leuggern mit Freunden und Bekannten. Die Pause tat nicht nur ihrem Körper gut.

Stefanie Vögele nahm sich nochmals intensiv Zeit, den Tod ihres Vaters, zu dem sie ein enges Verhältnis hatte und der sie auf ihren Reisen oft begleitete, zu verarbeiten. Auch wenn es nach wie vor schmerze, sei ihr das inzwischen gelungen, sagt sie.

Den Rat der Mutter befolgt

Mit dem neugewonnen Selbstvertrauen nimmt sie nun die Frühjahrsturniere in Angriff. Auf Miami folgen Monterey, danach voraussichtlich Lugano und im Mai die French Open. Punkte hat sie wegen ihrer Verletzungspause an diesen Turnieren keine zu verteidigen, womit eine Verbesserung in der Weltrangliste winkt. Vor fünf Jahren war sie schon einmal die Nummer 42.

«Der Sprung unter die besten Hundert ist sicher realistisch», sagt Stefanie Vögele. Sie möchte sich aber nicht zu stark unter Druck setzen. Vielmehr will sie den Schwung ausnützen und dort, wo Handlungsbedarf besteht, ihr Spiel verbessern. Vor allem beim Aufschlag und beim Volley ortet sie noch Potenzial.

Einen Ratschlag bekam Vögele vor ihrer Abreise nach Acapulco von Mutter Edith mit auf den Weg, nachdem sie oft gut gespielt hatte, aber verlor: «Jetzt spielst du gut und gewinnst auch noch.» Gesagt, getan.