Der Schrecken steckt noch allen in den Knochen. Und doch: Die Worte, die Gabi Spuhler, Schulleiterin der Schulen Böttstein, wählt, sind wohlüberlegt und mit Bedacht gesprochen. «Die Schulferien kommen zu einem guten Zeitpunkt», sagt sie, «die frischen Eindrücke aus dem Urlaub können den Schülern sicher helfen.» Helfen, das Gesehene und Geschehene vom vergangenen Donnerstag zu verarbeiten und vergessen.

Was war geschehen? In der kleinen Pause, kurz nach 9 Uhr, stürzt im Schulhaus Rain II in Kleindöttingen ein Sechstklässler 6,5 Meter in die Tiefe. «Ohne Fremdeinwirkung», wie Bernhard Graser, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau, bestätigt.

Der 13-Jährige wollte das Treppengeländer hinunterrutschen. Das Schlimmste musste befürchtet werden. Der Junge wird wenig später mit dem TCS-Helikopter ins Kantonsspital Aarau geflogen. Er hatte Glück im Unglück. Die Diagnose: Zwei Knochenbrüche (Sprunggelenk und Schlüsselbein) und eine Platzwunde am Kopf.

Kleindöttingen: Im Schulhaus Rain stürzt ein Sechst-Klässler über sechs Meter in die Tiefe und bleibt bewusstlos liegen.

Kleindöttingen: Im Schulhaus Rain stürzt ein Sechst-Klässler über sechs Meter in die Tiefe und bleibt bewusstlos liegen.

Nach dem Vorfall stellt sich die Frage nach der Sicherheit am Ort des Unfalls. Das Schulhaus Rain II wurde erst vor zwei Jahren offiziell eröffnet. Der schlechte Zustand des alten Schulhauses liess keine andere Wahl als den Teilabbruch. Obwohl erst 38 Jahre alt, genügte es den statischen, energetischen und akustischen Anforderungen nicht mehr.

Der neue Bau stellt Schülern und Lehrern helle und moderne Räume zur Verfügung. «Mit den 6,15 Millionen Franken, welche die Gemeindeversammlung seinerzeit diskussionslos genehmigt hat, ist in einem engen Zeitrahmen ein moderner und zweckgemässer Bau entstanden», schrieb die Aargauer Zeitung vor zwei Jahren.

Neue Schule, alte Treppentürme

Und doch schwingt nun Unbehagen mit. Denn beim Teilabriss blieben neben dem Untergeschoss auch die beiden alten Treppentürme bestehen. In einem dieser alten Treppentürme ereignete sich am Donnerstag der Unfall. «Die Treppentürme entsprechen der Sicherheitsnorm und wurden überprüft», sagt Schulleiterin Gabi Spuhler.

Auch werden Schulgebäude regelmässig auf ihre Sicherheit hin untersucht. Eine solche Untersuchung fand auch nach dem Unfall statt. Die Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung (BFU) wird nun einen Bericht verfassen. «Die Sicherheitsabklärungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Schulleitung erwartet den Bericht dazu», sagt Gabi Spuhler.

Wann dieser Bericht eintrifft, weiss sie nicht. Vorschläge, wie die Sicherheit zu verbessern sei, werde die Schule gerne umsetzen. Denkbar wären etwa Netze, doch Spuhler glaubt, dass diese die Risikobereitschaft der Schüler bloss erhöhen. Eine andere Variante wäre, am Geländer eine Rutschsicherung anzubringen. Spuler ist gespannt, welche Vorschläge dem Bericht der BFU zu entnehmen sind, denn im Moment sei der Treppenturm noch immer ein Ort, «an dem wir mit Schrecken vorbeigehen».

Dass unter den gegebenen Umständen doch alles glimpflich ausging, ist die positive Seite des Vorfalls. «Das Notfallkonzept, die Reaktionen der Lehrer und das Alarmieren der Rettungskräfte – alles lief wie am Schnürchen», sagt Gabi Spuhler.

Auch die Eltern des 13-Jährigen konnten frühzeitig erreicht werden. Die Schüler, welche den Unfall beobachteten, wurden vor Ort durch Lehrer und ein Mitglied des Care-Teams betreut. «Sollten Schüler mit dem Erlebten Mühe bekunden, raten wir den Eltern, den Kinderarzt oder den Schulpsychologischen Dienst zu kontaktieren», sagt die Schulleiterin.

Die Kommunikation des Falls wurde in der Zwischenzeit von der Kantonspolizei an die Oberstaatsanwaltschaft abgegeben. Ein Routine-Vorgang, wie Bernhard Graser von der Kantonspolizei sagt. Zeugen seien befragt worden. Strafbares Verhalten oder Dritteinwirkung sei nicht zu erkennen. Graser geht von einem Unfall aus.

«Verletzungen nicht so schwer»

Die Oberstaatsanwaltschaft des Kantons Aargau teilt schriftlich mit: «Gestützt auf persönlichkeitsrechtliche Überlegungen gibt die Staatsanwaltschaft zu Opfern nur sehr zurückhaltend bis gar nicht Auskunft. Was wir aber sagen können ist, dass die Verletzungen des Jungen nicht so schwer sind, wie vorerst befürchtet. Aus ermittlungstaktischen Gründen kann die Staatsanwaltschaft zum jetzigen Zeitpunkt keine Stellung zum Vorgehen im Verfahren nehmen.»