Vor 49 Jahren hatte Markus Binder seine erste offizielle Stelle als Pöschtler angetreten. Heute hat er seinen letzten Arbeitstag, «leider nicht in Baldingen, da ich für die Schneisinger Tour eingeteilt bin», bedauert der Ur-Baldiger und strahlt trotzdem. Mit diesem Strahlen und seiner steten Freundlichkeit waren ihm die Sympathien seiner Kundschaft in weiten Teilen des Zurzibiets seit Jahrzehnten gewiss. Eine launige Bemerkung hier, ein kleines Schwätzchen dort – so viel Zeit musste einfach sein: Ja, der Binder Markus war ein Pöschtler der alten Schule. Jetzt wird er pensioniert und wandert in absehbarer Zeit aus – nach Österreich.

Begeisterung für den Beruf war Markus Binder die in die Wiege gelegt, wurde er doch in eine Pöschtler-Dynastie hineingeboren. Am 1. August 1896 war an der Dorfstrasse 13 in Unterbaldingen erstmals eine Postablage eröffnet worden. Halter war der mit seiner Familie in dem Haus lebende Landwirt und Vizeammann Josef Binder, ein Grossonkel von Markus. 1902 hatte Josefs Bruder Gottfried das Amt übernommen, der gleichzeitig mit der Umwandlung der Ablage zum «Büro 3. Klasse» 1924 zum Posthalter befördert wurde. Nach seiner Pensionierung war ihm 1949 Sohn Gottfried im Amt gefolgt.

«Weil ich mir als Bub nicht sicher war, ob ich auch Pöstler werden will, habe ich in Döttingen die Berufswahlschule bei Leo Erne, dem nachmaligen Grossrat, besucht.» Schreiner, Pöstler oder Elektriker habe er als Berufswünsche angegeben gehabt. «Das Praktikum auf der Post Döttingen hat mir aber so wahnsinnig gut gefallen, dass der Entscheid rasch feststand.»

Posthalter muss Lokal stellen

Bevor er in sein Heimatdorf zurückkehrte, hatte Binder sich die Pöschtler-Sporen vielerorts abverdient. «Noch während der Schule war ich als 15-Jähriger wegen Personalknappheit einen Monat lang als Briefträger in Leuggern im Einsatz. Den Verdienst musste ich aber der Schule abliefern.» Es folgte die einjährige Lehre in Zurzach. «Wir haben zweimal täglich die Post sowie sämtliche abonnierten Zeitungen zugestellt. Das war ein ganz schöner Chrampf, und mein Dienst hat meist von 6.30 bis 18 Uhr gedauert.» Schichtdienst auf dem Bahnpostamt Basel war eine weitere Station, Motorwägeler-RS und Korporal abverdienen folgten. «Als sogenannter Ablöser von Zurzi aus habe ich später drei Touren in Koblenz sowie je zwei in Full und Leibstadt absolviert. Das war auch eine superschöne Zeit. Damals haben wir die AHV noch ins Haus gebracht.» War da ein kleiner Seufzer dabei? «Es ist schon schade, dass heute Dienstleistungen nicht mehr so gross geschrieben werden.»

Als sein Vater Gottfried 1988 in Pension ging, wurde Markus Posthalter in Baldingen. «Da der Posthalter das Lokal stellen musste, war das winzige Postbüro mit öffentlichem Telefonanschluss noch immer im Bauernhaus meiner Eltern untergebracht.» Inzwischen hatte Markus Binder für seine Eltern und sich ebenfalls an der Dorfstrasse ein Haus errichtet. «Ein Anbau für die Post wäre wegen der Sicherheitsbestimmungen enorm teuer geworden.» So hat Binder auf eigenem Land, finanziert vom Arbeitgeber, ein Postgebäude mit Wohnung bauen lassen. Wegen der unmittelbaren Nachbarschaft zur denkmalgeschützten Kirche war der nur mit Auflagen bewilligte Bau 1989 eingeweiht worden.

Auf zu neuen Ufern

1996 feierten die Baldinger mit einem grossen Fest das 100-jährige ihrer Post – sieben Jahre später wurde sie geschlossen – endgültig. Seither ist Markus Binder ein «fliegender» Pöschtler: Einige Jahre Posthalter in Rekingen, Brief- und Paketzustellung auf wechselnden Touren zwischen Leuggern und Schneisingen, Böbikon, Baldingen. «Ich habe meine Berufswahl keine Minute bereut.»

Sein Rentnerdasein hat Markus Binder schon seit zehn Jahren in Planung: «Irgendwo in der Abgeschiedenheit ein kleines Haus, das ohne Hypothek mir gehört. Ich habe lange danach gesucht. In der Schweiz waren alle infrage kommenden Objekte zu teuer. Nach Frankreich konnte ich nicht gehen, da ich kein Wort Französisch rede und ich fürs Lernen zu alt bin», gesteht er schmunzelnd. In Kärnten, am Rande von Bleiburg nahe der slowenischen Grenze, ist er fündig geworden. «Eine, na ja, ‹Ruine› von 35 Quadratmetern mit viel Umschwung. Seit Monaten verbringe ich alle Ferien dort mit Renovierungsarbeiten. Eine Küche mit Holzheizung, Dusche, WC und 10 Quadratmeter Wohnraum – etwa in einem Jahr werde ich für ganz in dieses kleine Paradies umsiedeln.» Wetten, dass jetzt schon viele Zurzibieter ihren Pöschtler Markus mit leiser Wehmut vermissen.