Von einem «schweren Fall von menschlichem Fehlverhalten» spricht die Ensi, das Atomkraftwerk habe «die Qualitätssicherung seiner Arbeiten teilweise versäumt» und die Vorkommnisse zeigten, dass getroffene Massnahmen «keine Wirkung» gehabt hätten. Leider habe es in den letzten Jahren eine ganze Reihe von Vorfällen aufgrund menschlichen Fehlverhaltens im KKL Leibstadt gegeben, wird Georg Schwarz, stellvertretender Ensi-Direktor und Leiter Aufsichtsbereich Kernkraftwerke, zitiert.

Was war geschehen, dass eine Behörde, der Kritiker eine ungesunde Nähe zu den AKW-Betreibern vorwerfen, zu solchen Worten greift? Ende Januar wurde bekannt, dass ein Mitarbeiter seit 2016 an gewissen Strahlenmessgeräten keine Funktionstests mehr durchgeführt hatte. Stattdessen trug er fingierte Daten in die Prüfprotokolle ein. Inzwischen wurde er freigestellt. Schwarz sagt: «Eine solche Fälschung ist absolut inakzeptabel.» Eine Woche später die nächste Hiobsbotschaft: «Aufgrund einer fehlerhaften Bedienung einer Armatur» erhöhte sich am 20. September 2018 bei der Lagerung des sogenannten Wasserabscheiders die Strahlenbelastung. Das Messgerät gab kein akustisches Warnsignal.

Florian Kasser, Atomexperte von Greenpeace Schweiz, sagt: «Die jüngst vom Ensi bekannt gemachten Vorfälle zeugen von einer miserablen Sicherheitskultur im AKW Leibstadt. Befremdend ist, dass solche Vorfälle seit Jahren immer wieder vorkommen.» Offensichtlich gelinge es der Axpo nicht, die Sicherheitskultur wesentlich zu verbessern – dies trotz mehrfachem Führungswechsel im Kraftwerk. «Dies ist ein Armutszeugnis und alles andere als vertrauenswürdig für einen Konzern, der neben Leibstadt auch Beznau, das älteste AKW der Welt, betreibt.» 

Leibstadts Gemeindeammann Hanspeter Erne spricht von «Fehlern, die man nicht tolerieren darf». Dennoch: In der Bevölkerung sei keine Angst auszumachen. Zwar seien die Meldungen ein Thema im Dorf, «aber ich glaube nicht, dass die Stimmung kippt», sagt Erne. Laut Ensi habe für die Sicherheit der Bevölkerung und des Personals keine Gefährdung bestanden.

Wohlstand und Arbeitsplätze

Ein Blick auf die Abstimmungsresultate zeigt, welch grossen Rückhalt das AKW in Leibstadt geniesst. Im November 2016 waren 90 Prozent der Stimmenden gegen die Atomausstiegsinitiative. Im Jahr 2003, bei der Initiative «Strom ohne Atom», sagten gar 96 Prozent der Leibstädter Nein. «Das AKW steht für wirtschaftlichen Wohlstand und für Arbeitsplätze», sagt Heini Glauser. Der Energieingenieur aus Windisch ist einer der Initianten der Mahnwache, die seit dem Atomunfall in Fukushima 2011 täglich vor dem Hauptsitz des Ensi in Brugg abgehalten wird. Gestern fand sie zum 1580. Mal statt.

«In den Augen vieler Leibstädter», fährt Glauser fort, «sind Greenpeace-Aktivisten eine grössere Gefahr als das AKW. Ich nehme den Leuten ihre befürwortende Haltung ab. Auch die Leute in Fukushima dachten so. Nach der Katastrophe hat sich der Wind aber dramatisch gedreht.»

Die scharfe Wortwahl des Ensi gegenüber dem AKW Leibstadt überrascht Glauser nicht. «Das Ensi lässt sporadisch pointierte Stellungnahmen heraus. Das ist Teil der Politik», sagt er. Gemeindeammann Erne sagt: «Für mich ist es schwer abzuschätzen, ob die Kritik in diesem Ausmass gerechtfertigt ist.» Ihn überrascht, dass trotz aller Sicherheitsmassnahmen solche Fehler geschehen. «Es wundert mich, dass die Vorgesetzten das nicht sehen.» Gleichzeitig glaubt Erne aber auch, dass die Vorfälle hochstilisiert werden: «Für die Kritiker scheint das ein gefundenes Fressen zu sein.»

Glauser sieht ähnliche Probleme wie Greenpeace: «Es ist bedauerlich und beängstigend, dass sich solche Vorfälle wiederholen. Es stellen sich Fragen zum Arbeitsklima und zu internen Abläufen. Wie geht man in Leibstadt mit Fehlern um? Haben die Angestellten Angst, Fehler bei ihren Vorgesetzten zu melden?» In einem AKW dürfen keine Fehler passieren, aber es liege in der menschlichen Natur, dass man Fehler macht. «Die Branche befindet sich in einem Dilemma. Diese Technologie überschreitet unsere Fähigkeiten», sagt Glauser. Dass in Leibstadt nun ein angeblich externer Mitarbeiter freigestellt worden sei, löse das Problem nicht. «Die Kraftwerksleitung steht in der Verantwortung.»

Gemäss «Tages-Anzeiger» gelobten die Betreiber Besserung, die Prozesse würden analysiert und «im Sinne einer Erhöhung der Sicherheit weiterentwickelt». Die Ensi-Direktion kündigte an, sie wolle das Management des Energiekonzerns Axpo, der als Mehrheitseigentümer die Geschäfte des KKL führt, und die Kraftwerksleitung einbestellen. Das Ensi fordert vom AKW Massnahmen, um die Sicherheit nachhaltig zu verbessern. Gleichzeitig wurden «deutlich» häufigere Inspektionen angekündigt. Die Ensi-Direktion will nach eigenen Angaben klar zum Ausdruck bringen, dass die Häufung von Vorkommnissen im Bereich Mensch und Organisation nicht toleriert werde. Die Verantwortlichen müssten jetzt rasch dafür sorgen, dass nötige Massnahmen ergriffen würden.