Klingnau

Millionen-Deal: Ortsbürger stimmen Kiesabbau nach turbulentem Krimi zu

Das Gebiet Hard in Klingnau, wo Landwirtschaft betrieben wird. Hier befindet sich ein Kiesvorkommen.

Das Gebiet Hard in Klingnau, wo Landwirtschaft betrieben wird. Hier befindet sich ein Kiesvorkommen.

Die Klingnauer Ortsbürger haben an der ausserordentlichen Gmeind vom Mittwoch einem Jahrhundertprojekt im Grundsatz zugestimmt. Im Gebiet Hard zwischen Klingnau und Koblenz soll Kies abgebaut werden und 20 Mio. in die Ortsbürgerkasse fliessen.

Kein Mensch wusste an der hitzigen Versammlung nach zweistündiger Information und heftigen Diskussionen, wie das Resultat ausfallen könnte. Die Abstimmung nach 22 Uhr geriet zum turbulenten Krimi, bei dem die Verwirrung laufend wuchs.

Fünf Abstimmungen für eine klare Frage, das war mit dem gesunden Menschenverstand der Ortsbürger kaum nachvollziehbar. Vor der Schlussabstimmung drohte an der ausserordentlichen Ortsbürgergemeinde ein Fiasko, das sich nur durch erneute Erklärungen verhindern liess.

Schliesslich sagten 82 Stimmbürgerinnen und Stimmbürger Ja zum Jahrhundertvertrag mit der Döttinger Baufirma Birchmeier AG. Zuvor war es relativ knapp, beim Rückweisungsantrag mit 56 Ja zu 74 Nein und beim ersten Gemeinderats-Antrag mit 72 Ja zu 62 Nein.

Möglicher Vorgehen beim Kies-Abbau im Hard Klingnau

Neues Kies- und Betonwerk

Für das einmalige Geschäft kam es zum einmaligen Aufmarsch: Gegen die Hälfte aller Ortsbürger waren da, 136 von total 304 Stimmberechtigten. Die Behörde warb überdeutlich dafür, «diese einmalige Chance zu packen», wie Gemeindeammann ad interim Felix Lang sagte.

Der Gemeinderat habe neutrale Berater beigezogen, den Rechtsdienst des Kantons und die Gutachten durch neutrale Experten überprüfen lassen. Fakten zum Vertrag mit der Birchmeier AG lieferte Gemeinderat Oliver Brun: Das Bauunternehmen will im Hard ein Kies- und Betonwerk erstellen und jährlich 100'000 Kubikmeter abbauen. Für den Abbau gibt es 2.80, für die Auffüllung 2.20 Franken je Kubikmeter, total also 5 Franken. Das läppert sich jährlich auf eine halbe Million Franken zusammen, in 40 Jahren auf 20 Millionen Franken.

Störfeuer durch Konkurrenz

Heute betreibt die Kalt Kies- und Betonwerk AG in Kleindöttingen ein Kies- und Betonwerk, das 2020 geschlossen werden muss. Der fusionierte Zementkonzern Lafarge Holcim ist entscheidend daran beteiligt. Nur drei Tage vor der Versammlung machte mit der Kibag ein anderes grosses Baustoffunternehmen, an dem die Holcim beteiligt ist, per Mail ein Zusatzangebot von 6 Franken pro Kubikmeter.

Die Ortsbürger an der ausserordentlichen Gmeind vom Mittwoch in der Aula der Bezirksschule.

Die Ortsbürger an der ausserordentlichen Gmeind vom Mittwoch in der Aula der Bezirksschule.

«Für eine genaue Abklärung war die Zeit zu kurz und mit dem Risiko behaftet, dass nie abgebaut würde», betonte Gemeinderat Reinhard Scherrer. In der Diskussion für etliche Sprecher aber doch eine Verlockung, eine konkrete Gegenofferte zu verlangen und erst dann zu entscheiden. Sehr kritische Gegner sprachen von mangelnder Transparenz und stellten die Birchmeier AG und die Behörde an den Pranger. Ein Antrag auf Rückweisung und Verhandlungen mit der Kibag waren die Folge.

Bestmögliche Vorbereitung

Andere Redner wehrten sich gegen die Verunglimpfung und für die Behörde. Sie hätten in vielen Jahren nie ein derart gut vorbereitetes Geschäft gesehen, betonten weitere Votanten. Für Unternehmer Walter Häfeli ist klar, dass die Holcim den Abbau im Hard verhindern will, um andernorts eigene Kiesgeschäfte tätigen zu können. «Diese Chance haben wir nie mehr», rief Häfeli den verunsicherten Ortsbürgern zu. Ein verlässlicher Partner sei mehr wert als Geld, meinte Gemeinderätin Elvira Mrose mit einem schönen Beispiel vom Verkauf des Elternhauses. 

Widerstand von Bauern

Keine Freude am Kiesabbau haben naturgemäss die Bauern, weil sie temporär Land zur Bewirtschaftung verlieren. Aus der Landwirtschaft kam der Antrag, die abbaubaren Flächen für Hard und Härdli müssten präzis im Vertrag definiert werden. Für die Bauern müssten von den 19 Hektaren ständig 12 zur Verfügung stehen. Die grosse Mehrheit unterstützte dieses Begehren.

Geschäftsführer Markus Birchmeier war in einer ersten Reaktion «glücklich über das klare Resultat, jetzt können wir vorwärts machen». Er freute sich auch darüber, dass die ganze Wertschöpfung in der Region bleiben wird.

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