400 Personen wollten am Dienstag hören, worüber sich zehn Gemeindeammänner zwei Jahre lang die Köpfe zerbrochen haben: Das Zurzibieter Fusionsprojekt Rheintal+ stiess bei der ersten öffentlichen Informationsveranstaltung auf offene Ohren und erhielt Lob, erntete aber auch Kritik und löste Ängste aus.

So unterschiedlich die Stimmung in der Bevölkerung, so unterschiedlich präsentiert sich auch die Befindlichkeit bei den einzelnen Gemeindevertretern. Besonders aus Rietheim und Böbikon sind skeptische bis kritische Stimmen zu hören.

Er sei kein Freund von Fusionen, sagt Rietheims Ammann Beat Rudolf. Sein Credo: «Man sollte nie seine politische Eigenständigkeit aufgeben.» Auch Adrian Thoma, Ammann aus Böbikon, tritt auf die Fusionsbremse: «Noch gibt es viele offene Fragen. Es wäre ein Fehler, in vorauseilendem Gehorsam alles abzunicken.»

Das sagt Projektleiter Peter Weber nach dem Anlass am Dienstagabend über den Stand des Fusionsprojekts.

Das sagt Projektleiter Peter Weber nach dem Anlass am Dienstagabend über den Stand des Fusionsprojekts.

Ganz genau hinschauen

Peter Weber, Projektleiter von Rheintal+, kann den kritischen Stimmen auch Positives abgewinnen. Er hält die «Bremser» sogar für absolut notwendig. «Sie halten den Druck hoch und zwingen uns, ganz genau hinzuschauen, ob eine solche Fusion überhaupt Sinn macht.

Wenn alle unkritisch wären, wäre das nicht gut. Die kritischen Stimmen müssen angehört werden.» Umgekehrt hofft Weber, dass eine hohe Akzeptanz den Druck auf die Skeptiker erhöht, ebenfalls mitzuziehen.

Die drängendsten Fragen für Thoma lauten: «Wirkt sich eine Fusion tatsächlich positiv auf den Steuerfuss aus? Und wie würde eine gemeinsame Verwaltung organisiert?» Für Rudolf wäre die neue Gemeinde – flächenmässig wäre es die grösste im Aargau – fast schon zu gross.

Auch fragt er sich: «Würden wir nach dem Zusammenschluss wirklich mehr Gehör finden beim Kanton?» Für den Ammann aus Rietheim ist es nicht zuletzt auch eine emotionale Frage. «Ich bin von Herzen ein Rietheimer, bin hier aufgewachsen und fühle mich mit der Bevölkerung aufs Engste verbunden.»

Nicht ohne die Bevölkerung

Eine grundlegende Erkenntnis scheint die Infoveranstaltung im Fisibacher Ebianum hervorgebracht zu haben. Rudolf fasst diese wie folgt zusammen: «Wir müssen die Bevölkerung intensiv miteinbeziehen. Politisieren wir an ihr vorbei, haben wir keine Chance.»

Thoma sieht das genauso: «Entscheidend ist, dass wir offen und transparent kummunizieren.» Fast etwas überrascht zeigt sich Weber ob des Mitgestaltungswillens der Bevölkerung: «Der Abend hat mir vor Augen geführt, dass die Leute Wert auf Mitsprache legen, dass sie sich einbringen wollen.»

Aus Sicht der Projektleitung stellt sich nun die Frage, wie man die Basis erreicht. Weber sagt, man erwäge, noch mehr in die Kommunikation zu investieren. Denkbar sei auch, die heissen Themen nicht bloss in den Arbeitsgruppen zu diskutieren, sondern vor Ort mit den Leuten darüber zu debattieren.

Klar ist: Bis zu einer möglichen Fusion ist es noch ein weiter Weg mit vielen offenen Fragen. Noch ist keine der zehn Gemeinden aus dem Projekt Rheintal+ ausgeschert. Geschieht es doch, müsste die Ausgangslage neu beurteilt werden, sagt Weber. «Auch eine Fusion mit weniger Gemeinden ist denkbar.»

Der nächste wichtige Termin ist der 6. April. Dann findet in allen Orten eine ausserordentliche Gmeind statt, an der über den Kreditantrag für eine vertiefte Prüfung des Zusammenschlusses abgestimmt wird.

Kosten: Rund 25'000 bis 50'000 Franken pro Gemeinde. Auch die Behörden von Rietheim oder Böbikon befürworten diese vertiefte Prüfung. Und die Bevölkerung? «Ich denke, in Rietheim ist die Mehrheit offen für eine vertiefte Prüfung, aber noch ist sie gegen die Fusion», sagt Rudolf.