Hatte der Klingnauer Stadtrat vergangenen Samstag an einer öffentlichen Veranstaltung nun einen zukunftsweisenden Vorschlag präsentiert oder hat er mit seinem Vorpreschen die Beziehungen zu den anderen Gemeinden im Unteren Aaretal leichtfertig strapaziert?

Während er laut eigener Aussage aus der Bevölkerung zahlreiche positive Rückmeldungen auf den Anlass erhielt, stösst die Idee einer Seestadt, die dereinst 16'000 Bewohner mit sieben Gemeinden einschliessen könnte, in den Exekutiven der restlichen Aaretal-Gemeinden mehrheitlich auf wenig Gegenliebe. Die Kommentare aus den betroffenen Gemeinden reichen grösstenteils von kritisch bis ablehnend.

Jetzt reagiert Stadtammann Reinhard Scherrer (CVP) auf die Vorwürfe. Er wundert sich über die entstandene Aufregung. Man habe im Rahmen einer Bestandesaufnahme ein Gesamtbild erstellt. In diese Überlegungen gehöre ebenfalls ein möglicher Zusammenschluss der Gemeinden im Unteren Aaretal. Scherrer ist über die Reaktionen auch deswegen erstaunt, weil die vorgelegte Vision nicht neu ist.

Der Vorschlag lehnt sich an die Charta des Planungsverbandes Zurzibiet Regio an, die 2011 bis auf Mellikon von sämtlichen Gemeinden aus dem Bezirk unterzeichnet wurde. «Jeder kann nachlesen, was dort formuliert ist», sagt Scherrer. Im gemeinsam unterzeichneten Manifest steht, dass im Zurzibiet langfristig drei Gemeinden angestrebt werden sollen. Für jede Talschaft eine – das Surbtal, das Rheintal sowie das Aaretal.

Egoismus fehl am Platz

Währenddessen im Rheintal der Prozess seit einigen Monaten im Form einer vertieften Prüfung angelaufen ist und von Bevölkerung und Behörden mitgetragen wird, scheint man sich, wie die Reaktionen zeigen, im Aaretal diesbezüglich uneins. Am deutlichsten äussert sich dazu Böttsteins Ammann Patrick Gosteli. Er erteilt den Plänen aus Klingnau eine klare Absage. Der SVP-Grossrat sieht für seine Gemeinde keinen Handlungsbedarf. Man könne eigenständig bleiben, weil man eine passende Grösse und Raum zur Entwicklung habe. Er glaubt, dass die Tendenz eher in Richtung Eigenständigkeit von Gemeinden gehe.

Gemeindefusionen im Aargau seit 2002

Reinhard Scherrer findet für die Aussage seines Amtskollegen von der anderen Aare-Seite deutliche Worte: «Diese Haltung führt ins Nirwana.» Er befürchtet, dass mit dieser Einstellung die gesteckten Ziele von Zurzibiet Regio zur Makulatur verkommen könnten. «Wir sollten aufhören, die Interessen der einzelnen Gemeinden in den Vordergrund zu stellen, stattdessen über die Region Zurzibiet als Entwicklungsraum sprechen.» Statt Egoismus sei Zusammenarbeit gefragt. «Es braucht eine übergeordnete Sicht. Weniger Worthülsen. Taten statt Worte», fordert Scherrer.

Die unterschiedlichen Auffassungen drohen das zuletzt ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Klingnau und Böttstein nun zusätzlich zu belasten. Im vergangenen September gerieten sich die beiden Gemeinden bereits in die Haare. Streitpunkt war die Strategie um die künftigen Bez-Standorte im Bezirk.

Patrick Gosteli, damals noch Steuerungschef der Gemeindeverbandes Oberstufe Aaretal (OSA), wurde von den Klingnauern wegen angeblich falsch wiedergebener Aussagen öffentlich kritisiert. Die Angelegenheit gipfelte in einer Kommunikations-Panne, in der man sich gegenseitig den schwarzen Peter zuschob.

Alte Rechnungen begleichen?

Inzwischen wurde das OSA-Projekt vom Stimmvolk abgelehnt. Das Zepter für eine gemeinsame Strategie hat mittlerweile die IG Bildungsvision Zurzibiet übernommen – ohne Patrick Gosteli. Dieser kritisiert das Verhalten der Klingnauer in der Schuldiskussion. «Dass sie sich offen hinter das Konzept der OSUA (Anm. der. Red: Oberstufe Unteres Aaretal) stellt, sei einer Lösung nicht förderlich, so Gosteli.

Reinhard Scherrer selbst sieht den Zeitpunkt gekommen, um die Differenzen aufs Tapet zu bringen. Gelegenheit dazu bietet sich nächste Woche: Dann treffen sich Gemeindeammänner aus dem Unteren Aaretal zu einer gemeinsamen Sitzung.