Aus Deutschland kommend hatte Autofahrer Karim (Name geändert) im vergangenen Juni den Grenzübergang Kaiserstuhl problemlos passiert. Oben im Städtchen aber hatten Grenzwächter Kontrollen durchgeführt. Karim hatte keinen Führerausweis. Dieser war ihm, wie sich alsbald herausstellte, im Juni 2010 auf unbestimmte Zeit entzogen worden.

Wäre ihm nun wegen Fahrens ohne Berechtigung ein Strafbefehl ins Haus geflattert, hätte der 35-Jährige die Geldbusse vermutlich zähneknirschend akzeptiert. Der Staatsanwalt aber hatte Karim angeklagt und nebst 3000 Franken Geldstrafe unbedingt den Widerruf einer bedingten Freiheitsstrafe von 21 Monaten gefordert.

So sass Karim denn in Bad Zurzach nicht vor dem Einzelrichter, sondern vor dem Gesamtgericht. Im Maghreb geboren und aufgewachsen, war er 2004 in die Schweiz gekommen und hatte kurz darauf geheiratet. «Meine Frau ist halb Schweizerin, halb Türkin». Im Verlauf der Jahre übte Karim verschiedene Jobs aus. Nach längerer Arbeitslosigkeit hatte er – nach wie vor ohne Führerschein – 2015 eine Autowerkstatt gekauft. «Das Handwerk hatte ich bei Kollegen gelernt.»

Während Halb-Haft erwischt

Im Jahr zuvor, also 2014, war Karim zu einer Freiheitsstrafe von 30 Monaten – 9 davon unbedingt – verurteilt worden. Auf die Frage von Gerichtspräsident Cyrill Kramer nach dem Warum druckste Karim herum, «es war glaub wegen Diebstahl und so». Kramer ergänzte, dass er damals ebenfalls – und bei Weitem nicht zum ersten Mal – ohne Führerschein gefahren sei.

Letztmals hatte Karim vor knapp zwei Jahren in Winterthur vor Gericht gestanden, das auf den Widerruf der 21 Monate verzichtet und die Probezeit um zwei Jahre verlängert hatte. «Sie haben sich nicht nur innerhalb dieser Probezeit erneut ohne Führerschein ans Steuer gesetzt. Als sie in Kaiserstuhl erwischt wurden, steckten sie auch mitten im Strafvollzug, indem sie gerade dabei waren, die neun Monate in Halb-Haft abzusitzen», hielt der Richter fest.

Karim konnte tagsüber also arbeiten. Dass er in Kaiserstuhl am Steuer eines seiner Garagen-Autos unterwegs war, sei – betont er mit Nachdruck – «ein Notfall gewesen. Ein Kunde musste sein Auto vorführen, die Zeit drängte und ich brauchte für das Fahrzeug Ersatzteile».

Ein Kollege habe ihn, um diese abzuholen, nach Waldshut gefahren, sei dann dort aber ausgestiegen. «Der Kollege, der mich zurückfahren sollte, hatte sich verspätet. Ich habe ihn deshalb in Hohentengen aufgeladen. Er sollte aber nur für einige hundert Meter bis zur Tankstelle Beifahrer sein.»

Inzwischen spielt es für Karim keine Rolle mehr, dass ein Autowerkstatt-Betreiber ohne Führerschein vergleichbar ist mit einem Schreiner ohne Hobel oder einem veganen Metzger. Im Sommer hat er die Garage verkauft. Allerdings nicht aus Einsicht, sondern um eine dringende Operation seiner Mutter im Maghreb zu finanzieren. Die Mutter hat leider nicht überlebt.

Kein Pardon für den Familienvater

Karim hat jetzt einen Langzeitjob bei einem Stellenvermittler-Büro. Er sitzt auf einem Schuldenberg von gegen 26'000 Franken. Von seiner Frau ist er seit 2014 geschieden, lebt aber wieder mit ihr und den beiden 6- und 9-jährigen Töchtern zusammen. Sein Verteidiger plädiert für den Verzicht auf den Widerruf: «Wenn mein Mandant ins Gefängnis muss, verliert er die Arbeit und werden Frau und Kinder zu Sozialfällen.»

Eine Minderheit der Richter hätte Karim noch eine allerletzte Chance geben wollen. Die Mehrheit aber befand, dass er den Bogen definitiv überspannt hat, und so muss Karim nun 21 Monate hinter Gittern verbringen. Einstimmig hatte das Gericht die unbedingte Geldstrafe um die Hälfte auf 1500 Franken reduziert. Auch die Verfahrenskosten gehen zu Lasten des Verurteilten.