Bad Zurzach

«Man hat Arbeitskräfte gerufen und es kommen Menschen»: Ein Abend mit Max Frisch

Saxofonist Räto Harder sowie die Rezitatoren Roswita Schilling und Hansrudolf Twerenbold beschrieben den Menschen Max Frisch und dessen kritische Beziehung zu Heimat und Identität.

Saxofonist Räto Harder sowie die Rezitatoren Roswita Schilling und Hansrudolf Twerenbold beschrieben den Menschen Max Frisch und dessen kritische Beziehung zu Heimat und Identität.

In der Oberen Kirche wurde dem Schriftsteller literarisch und musikalisch gedacht.

Die katholische Kirchgemeinde hatte am Sonntag zu einem ihrer beliebten Münsterkonzerte in die Obere Kirche eingeladen. Die zahlreich erschienenen Besucher bekamen ein breites Spektrum von Max Frischs Schaffen zu Gehör, war das Konzert doch genau betrachtet eine literarische Lesung, begleitet von wehmütigen, fröhlichen, folkloristischen Melodien: Der Thurgauer Saxofonist Räto Harder ergänzte die beiden Rezitatoren Roswita Schilling und Hansrudolf Twerenbold sehr einfühlsam bei der eindrücklichen literarischen Begegnungen mit dem 1991, knapp 80-jährig verstorbenen bedeutenden Schweizer Schriftsteller.

Einer seiner besonders stark nachhallenden Sätze «Man hat Arbeitskräfte gerufen und es kommen Menschen» – stand als Motto über der Veranstaltung. So begannen Schilling/Twerenbold denn mit Ausschnitten aus den Tagebüchern, in denen Frisch sich mit den Überfremdungsinitiativen auseinandersetzte, mit denen das Schweizer Stimmvolk in den späten 60er- und den 70er-Jahren förmlich überflutet worden war.

Kluge Interpretation

Während Frischs Schilderungen der Lebensumstände der italienischen Gastarbeiter noch immer beeindrucken, dürften die kritischen Beobachtungen der Befindlichkeiten und Begehrlichkeiten von uns Schweizern stille Seufzer und Kopfschütteln ausgelöst haben. Dies umso mehr, als sich in unserem Land bis heute – fast ein halbes Jahrhundert später – gar so manches kaum verändert hat. «Man ist kein Rassist. Es ist schliesslich eine Tradition, kein Rassist zu sein,» hatte Frisch zu Papier gebracht.

Schilling und Twerenbold waren bei weitem nicht erstmals Gast in der Oberen Kirche. Einmal mehr bestachen die beiden Schauspieler durch ihre kultivierte Diktion und kluge Interpretation der Texte. Mit deren Auswahl vermittelten sie den Zuhörern einen überaus bunten Reigen von Begegnung mit dem Werk von Max Frisch. Mit den ausgewählten Texten aus seinen stark autobiografisch gefärbten Erzählungen «Montauk» und «Der Mensch erscheint im Holozän» zeichneten Schilling und Twerenbold ebenso schonungslos Ängste, Schwächen, Begierden des Schriftstellers bezüglich Leben, Lieben und Sterben, wie dessen einprägsam und kritischen Beziehungen zu Heimat und Identität.

Die musikalischen Zwischenspiele sowie Texte vom Maler und Grafiker Gottfried Honegger über seinen besten Freund Max Frisch, rundeten die intensiven und imponierenden 90 Minuten in der Oberen Kirche gelungen ab.

Gewiss nahm gar so mancher Besucher den Heimweg mit dem Gefühl, Max Frisch wieder ein schönes Stück näher gekommen zu sein, unter die Füsse oder Räder.

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