«Wenn ich auf der Bühne eine Geschichte erzähle», sagt Jürg Steigmeier, «dann haben viele Zuhörer das Gefühl, ich sei auf einer Alp aufgewachsen.» Denn es mache ihm Freude, blumige Wörter aus alten Zeiten wieder zu verwenden und so die Vielfalt der schweizerdeutschen Sprache aufzuzeigen. «Das kommt vor allem auch bei älteren Zuhörern gut an.»

Steigmeier ist Initiator des Mundart-Festivals, das vom 11. bis 13. Mai in Bad Zurzach bereits zum vierten Mal stattfindet. Neben Steigmeier werden sechs weitere professionelle Geschichtenerzähler auftreten, zum Beispiel auch Maria Greco.

Warum hören Menschen gerne Märchen und Sagen? «Ich glaube, dass es mehr gibt, als wir zu erahnen vermögen. Und gerade Märchen und Sagen beinhalten vieles, das wir alle in unserer Seele seit Urzeiten mittragen.» Er könne es sich nicht anders erklären, warum alte Geschichten immer wieder gerne gehört würden. «Märchen funktionieren in allen Zeiten, sowohl bei kleinen Kindern als auch bei erwachsenen Menschen. Alte Geschichten tragen etwas Magisches in sich, das alle Menschen berührt, das uns alle etwas angeht.»

Seit 16 Jahren Erzähler

Steigmeier arbeitet in Bad Zurzach als Kindergärtner, erzählt aber parallel dazu seit 16 Jahren professionell Geschichten. «Für ein bescheidenes Leben würde das Einkommen ausreichen, das ich mit meinen Auftritten verdiene.» An rund sechzig bis siebzig Abenden pro Jahr steht er auf der Bühne. Er habe nie das Rampenlicht gesucht. «Es geht um die Geschichten. Manche sind so wichtig, dass sie erzählt werden müssen.»

Er sei ein wilder, körperlicher Erzähler, könne nicht einfach auf einem Stuhl sitzen. «Die Leute sind heutzutage visuell anspruchsvoll, es muss auch für ihr Auge etwas passieren.» Darum laufe er auf der Bühne rum, arbeite viel mit Mimik und dem Körper. Er habe klare Vorstellungen, welche Märchen und Sagen er den Menschen erzählen möchte. «Mich interessieren keine orientalischen Geschichten. Mich interessieren die Wurzeln unserer Volksseele.» Darum stelle er den Menschen Schweizer Geschichten vor. Als grösste Arbeit bei der Vorbereitung bezeichnet er die Übersetzung der Märchen in den Dialekt. Die einzelnen Schweizer Dialekte würden sich immer mehr angleichen, es finde eine Vereinfachung der Sprache statt. «Das ist schade, und ich vermute, dass wir irgendwann alle nur noch Hochdeutsch reden werden.» Das Hochdeutsch biete aber weniger Ausdrucksmöglichkeiten. «Das Schweizerdeutsch besitzt viel poetischere, blumigere Worte. Das sagen mir die deutschen Erzähler, ihnen fällt das auf.» Hochdeutsch sei eine Kunstsprache, die geschaffen worden sei, damit man sich verstehe – so sei die Vielfalt verloren gegangen.

Das Gute siegt über das Böse

Auf das Mundart-Festival freue er sich sehr, sagt Steigmeier. «Die Zuhörer werden merken, dass man Geschichten auf ganz verschiedene Arten erzählen kann.» In den Geschichten Steigmeiers geht es um Liebe, Tod und Macht. «Das Schöne an den Märchen ist, dass bei ihnen das Gute über das Böse siegt.»