Um 8 Uhr sollte es gestern losgehen, aber vom Beschuldigten keine Spur. Um 8.15 Uhr erschien Röbi (Name geändert) atemlos, entschuldigte sich sehr. Er habe den Termin falsch in die Agenda eingetragen und sei grad noch am Zeitungsvertragen gewesen.

Solches tut Röbi als Nebenverdienst. Arbeitsbeginn zwischen drei und vier Uhr morgens, Verdienst zwischen 1500 und 2000 Franken monatlich. Röbi ist auf das Geld angewiesen. 1200 Franken monatlich zahlt er Unterhalt für seine zwei Kinder, 600 Franken zwackt ihm das Betreibungsamt ab und sein Hauptjob ist alles andere als lukrativ.

Röbi handelt mit Waren aller Art. «Liquidationsware von Grossverteilern und verschiedenen Firmen.» Die Gewinnmarge sei gering. Als Firma hatte das Unternehmen vor Jahren Konkurs gemacht, seither betreibt Röbi sie im Alleingang – inklusive Grillstand und Bar. «Dort verkehrt alles, vom Sozialfall bis zum . . .»

Wer zur höhergestellten Klientel gehört, lässt Röbi offen. So viel aber ist klar: An der Bar wurde auch geraucht, was verboten ist. So war dies in der Anklageschrift als ein Vergehen aufgelistet.

Was sich noch dazugesellte, liest sich wie ein Gruselroman: verdorbene und verschimmelte Tiefkühlprodukte mit Maden und Fliegen; massive Unordnung im Laden, Lager, Grillhäuschen, Treppenhaus und Hinterhof; Handwascheinrichtung nicht nutzbar; viele Lebensmittel mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum. Mehrfach hatte der Lebensmittelinspektor Röbi Auflagen gemacht, ihm einmal die Bude für eine Woche geschlossen.

Aber gar so gruselig? «Das war wegen der sechs Monate, die ich da oben verbringen musste», erklärte der 54-jährige dem Einzelrichter Cyrill Kramer und zeigt an die Decke. Über dem Gerichtssaal, im Dachgeschoss, befinden sich die Gefängniszellen. Röbi hat dort eine Strafe in Halbhaft verbüsst. Im Frühling 2015 hatte er für das Betreiben einer Hanf-Indoor-Anlage 30 Monate teilbedingt kassiert. «Ich musste ja abends jeweils in den Bau. Immerhin konnte ich eine Abmachung treffen und statt die Wochenenden zwei Tagen unter der Woche ganztags dort verbringen.»

So habe er einen Teil-Ersatz fürs Zeitungsvertragen organisieren können. Im Geschäft aber sei vieles liegengeblieben. «Zudem muss irgendjemand den Stecker von der Tiefkühltruhe herausgezogen haben.»

Röbi gab unumwunden alle Vorwürfe zu. Auch, dass er die Versicherung fürs Auto nicht bezahlt und dann – trotz amtlicher Verfügung – die Kontrollschilder und den Fahrzeugausweis nicht abgegeben habe. Die vom Staatsanwalt beantragte Strafe findet Röbi zu hoch. Gegen die unbedingte Geldstrafe von 2100 Franken hat er nichts einzuwenden, aber «6000 Franken Busse – da verschlägts mir glatt den Atem und auch der Lebensmittelinspektor fand das übertrieben.» Röbi jammerte, dass er schliesslich auch noch die Lebensmittelkontrollen berappen müsse, und dass «aus der Hanf-Sache noch 25 000 Franken offen sind».

Richter Kramer erliess dem 54-Jährigen einen Tausender Busse, verurteilt ihn ansonsten gemäss Antrag des Anklägers. Zusammen mit Gebühren und Auslagen vergrössert sich Röbis Schuldenberg somit um rund 9500 Franken.