Tavolatas gibt es in Paris, in Zürich, in St. Moritz, und am Samstag hat sie Einzug in Bad Zurzach gehalten. Tavolata bedeutet an langen Tischen zusammensitzen, schnabulieren, diskutieren, musizieren, tanzen, trinken – und das an einem öffentlichen Ort mitten im Herzen einer Stadt. Oder eben mitten im Flecken.

Frühmorgens schon waren Hauptstrasse und Schwertgasse gesperrt. Für die düsteren Prophezeiungen der Wetterfrösche hatte der Gewerbeverein Rheintal-Studenland als Organisator nur ein mildes Lächeln übrig. Um 10 Uhr waren 80 Tische mit Festbänken und Kühlschränke aufgestellt, und als die Tavolata um 15 Uhr begann, blinzelte die Sonne zwischen Wolken hervor.

Viele Tische waren reizvoll mit Blumenarrangements, Kerzen, üppig mit frischen Früchten gefüllten Schalen dekoriert, einige waren gar gediegen wie für ein Galadiner aufgedeckt. Ein solches hatte denn auch Anwohner der Pfauengasse und Rebbergstrasse vorbereitet, zwei Tische für sich reserviert und attraktiv geschmückt. Vereine, Geschäfte, Privatleute – jeder hatte sich für die Tavolata anmelden können, sei es als Hobby-Beizer, sei es als Profi-Koch oder als Barkeeper, so wie Getränkehändler Mauchle. Der hatte sich allerdings für Bardamen im feschen Dirndl entschieden, die unter anderem aus Sirup, Weisswein, Apfelschorle und Gin einen verführerischen Spezial-Tavolata-Drink mixten.

Brutzeln en famille

Die Strasse hinauf und die Gasse hinunter duftete es kulinarisch multikulturell. Auf Tischgrills brutzelte die Familie Edelmann Cipollatas, Speck, Schnitzelchen für sich und lud Vorüberschlendernde, denen das Wasser im Munde zusammenlief, zu einem Versuecherli ein.

In strahlend weisser Montur hatten die Köche der RehaClinic ihren Arbeitsort kurzerhand auf die Hauptstrasse ausgelagert und liessen mit ihrem reichen Angebot von Sushi über Wachtelbrüstlein auf Basilikumnudeln bis Spare-Rips auf Papaya die Herzen von manchem Gourmet höher schlagen. Wem mehr nach Süssem zumute war, den lockte das Café Leutwyler unter anderem mit flambierter Omelette surprise.

Die Qual der Wahl hatte, wer nicht über einen unerschöpflichen Bärenhunger verfügte. Helena Weber, geborene Bergström, bot Schwedische Smörgåståsta – belegte Brote-Torte aus Rauchlachs, Meerrettichkäse, Garnelen, Sauerrahm – an. Bei der einheimischen Fitnessriege gab es als philippinische Spezialitäten Calderetta und Pancit Cantón, am Tisch vom Gemeinderat Rekingen indonesische Satay-Spiesschen. Die Männerriege-Köche waren um 17 Uhr bereits mit der zweiten Grosspfanne Paella beschäftigt: «Das ist die beste Paella der Welt», hielt Gast Enzo Basilicata dezidiert fest. Ob er, als Patriot, zur Vorspeise eine Mini-Pizza aus einem der hübschen Tischöfen genossen hatte, ist nicht bekannt.

Ein Mordsgewitter – na und?

Essen und Trinken halten bekanntlich Leib und Seele zusammen. Als Dritter im Bunde darf das Zwischenmenschliche nicht fehlen und es kam an der Tavolata nicht zu kurz. Man traf nicht nur gute Bekannte, man kam auch mit Unbekannten ins Gespräch. Man lachte, sprach über dieses und jenes noch junge Skandälchen, über die Chancen der Nati gegen Argentinien und die Temperatur vom Regibad-Wasser.

Als nach 18 Uhr vorübergehend ein paar dicke Tropfen vom Himmel fielen, wurden Schirme aufgespannt und unten drunter munter weiter diskutiert und schnabuliert. Das Mordsgewitter allerdings, das in den guten Stuben das Penalty-Schiessen in Belo Hoizonte begleitete, sorgte gegen 20.30 Uhr an der Tavolata für triefende Köpfe und nasse Füsse. Die Pfauengässler und Rebbergsträssler hatten – nach Salat, Roastbeef mit Sauce Béarnaise, Folienkartoffeln, Gemüse – just das Dessertbüffet leergegessen.

Von Donner begleitet, wurden hüben und drüben blitzartig Tische und Open-Air-Küchen abgeräumt und im Herzen vom Flecken jeder auch nur einigermassen trockene Flecken okkupiert. So ging die Tavolata denn trotz offener Himmelsschleusen durchaus nicht baden: «Um 22.30 Uhr sassen noch immer einige Unentwegte unter dem Dach vor dem Gemeindehaus gemütlich zusammen», rapportierte gestern Morgen Mitorganisator Peter Andres.