Unteres Aaretal

Jugendgewalt: «Konflikte werden immer krasser ausgetragen»

Bildlegende: Spannende Aussagen von Christian Huber während des Vortrags.  BY

Bildlegende: Spannende Aussagen von Christian Huber während des Vortrags. BY

Im unteren Aaretal läuft ab Mittwoch ein Selbstverteidigungskurs für Mädchen. Dabei lernen Schülerinnen sich selbstbewusst abzugrenzen und notfalls auch zu wehren. Wichtig ist den Veranstaltern auch, dass Zivilcourage gezeigt werde.

Nicht dass es im unteren Aareteal ein explizites Problem mit Jugendgewalt gäbe: Im Vergleich zu bevölkerungsreichen Ballungsräumen ist es eher friedlich. «Aber das Thema betrifft letztlich jeden und kaum jemand ist noch nie im Leben mit heiklen Situationen oder gar Gewaltausbrüchen konfrontiert gewesen – sei es als Betroffener oder als Zeuge», erklärt Michaela Danner von der Regionalen Jugendarbeit Unteres Aaretal/Kirchspiel (rjaak).

Ihr Projekt, ein Selbstverteidigungskurs für Mädchen, geht zum einen auf Themen im Jahresprogramm zurück, zum anderen auf Anregungen von verschiedenen Seiten. Der Kurs startet in der kommenden Woche, wird von professionellen Trainern betreut und läuft an den folgenden vier Mittwochnachmittagen jeweils zweieinhalb Stunden lang.

Schülerinnen jeden Alters können für den symbolischen Preis von 25 Franken (ganzer Kurs) nicht nur üben, sich selbstbewusst abzugrenzen und notfalls auch zu wehren, sondern auch als Zuschauer Zivilcourage zu zeigen und einzugreifen.

Zeugen: Nicht wegschauen!

Dabei heisst eingreifen nicht unbedingt dazwischengehen, wenn es zur tätlichen Auseinandersetzung kommt. Viele trauen sich das zu Recht nicht zu. «Zivilcourage braucht Mut und mutig ist auch, wer nur beobachtet, mit dem Handy aufnimmt, Passanten zur Solidarität mit dem Opfer anhält oder versucht, eine aggressive Situation zu beruhigen», weiss Christian Huber von der Firma Do-Gewaltprävention.

Sein Arbeitgeber mit Sitz bei Baden gibt auch Karate- und Yoga-Kurse und nähert sich diesem Thema von zwei Seiten: Prävention (Zuvor-kommen) und Intervention (Dazwischen-kommen). Mit im Paket, das die rjaak dank Sponsoren wie pro Juventute und dem Migros-Kulturprozent bei «Do» buchen konnte, ist auch ein öffentlicher Vortrag zum Thema «Zwischen Ohnmacht und Wut: Jugendgewalt und Zivilcourage». Dieser fand am Mittwochabend im Döttinger Schulhaus Bogen statt.

Werte in der Kindheit

Huber, promovierter Soziologe und selbst Karateka, zeigte konkrete Beispiele und legte das Augenmerk auch auf die Wissenschaft. Was ist Gewalt und warum wird sie zur Handlungsoption? Was passiert im Hirn, wenn der «Tunnelblick» einsetzt? «Das Beispiel Gaddafi zeigt, dass Gewalt oft eine Auswirkung von Machtverlust ist.

Wer zuschlägt, hat eigentlich schon vorher verloren.» Ein paar weitere interessante Aussagen Hubers: Bei Gewaltdelikten sind meistens Männer oder Buben die Täter – die meisten Opfer sind aber auch männlich. Jugendgewalt wird immer häufiger polizeilich angezeigt, es gibt hingegen keinen Beweis, dass im Vergleich zu früher mehr Gewalt vorkommt. Erwiesen ist aber, dass Konflikte immer krasser und folgenschwerer ausgetragen werden.

Die entscheidenden Weichen, nicht mit Gewalt zu reagieren, würden in frühester Kindheit gestellt, sagte Huber: «Werte wie geregelte Strukturen, Zuneigung und der Umgang mit Grenzen sind wichtig.»

Drei Mädchen haben sich bereits für den Selbstverteidigungskurs angemeldet. Sollte das Projekt erfolgreich verlaufen, überlegt sich Michaela Danner, den Kurs auch für Buben anzubieten.

Informationen und Anmeldungen unter www.rjaak.ch

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