Reger Ibrahim (31) und Inas Ahmed (33) mussten ihre Heimat verlassen. Sie durchlebten eine Zeit des Schreckens. Seit mehr als zwei Jahren wohnen sie nun mit ihrem einjährigen Sohn Ryan im Dachstock des Bauernhofs von Susan und Niki Sadkowski. Die Familie engagiert sich im Dorf und ist dankbar für jede Unterstützung, die sie erhält.

Das kurdische Paar lebte in der nordirakischen Stadt Mossul, wo Reger in einem Restaurant kellnerte und Iman in einem Spital als Pflegefachfrau arbeitete. Die Situation im Irak verschlechterte sich zunehmend unter den Einflüssen der Terrorgruppen al-Kaida und Islamischer Staat IS. «Spitäler wurden bombardiert, die Menschen erpresst und verfolgt», sagt Ibrahim. Das Paar ergriff die Flucht: Nach Syrien gelangten sie in die Türkei, wo sie mit Schleppern durch Südosteuropa geführt wurden. 2015 kamen sie in Lausanne an. Nach Zwischenstopps in Neuchâtel, Bern und Buchs AG endete ihre Odyssee in Rümikon. Sie wohnten vorübergehend in der ehemaligen Gaststätte «Engel», in der Saisonniers und Asylsuchende zu günstigen Konditionen in kleinen Zimmern unterkommen.

Hilfe angeboten

Seit ihrer Ankunft hat sich die junge Familie für das Dorfleben interessiert und ihre Hilfe angeboten. Reger und Inas kamen dabei mit Susan Sadkowski ins Gespräch, die zu ihrer Ansprechperson wurde. «Reger äusserte Bedenken, dass er nichts arbeiten darf. Er habe viel und schwer gearbeitet in seiner Heimat. Um schlafen zu können, müsste er wieder körperlich und geistig arbeiten, damit er erschöpft sei», sagt Sadkowski, die ihm daraufhin anbot, in ihrem Garten eigenes Gemüse anzupflanzen.

Dann der Schock: Im September letzten Jahres erhielten sie vom Staatssekretariat für Migration die Nachricht, dass sie ausgewiesen werden sollen. Zudem wusste das Paar, dass ihr Sohn an einer Blutkrankheit leidet. Für Ryan und seine Mutter wäre ein Aufenthalt im Asylheim, in dem sie untergebracht worden wären, nicht zumutbar gewesen. Sadkowski schaltete mit Unterstützung von Familie, Freunden und Dorfbewohnern einen Anwalt ein. «Die Ausweisung hätte den sicheren Tod für die Familie bedeutet», ist sich Sadkowski sicher.

Bewohner aus Rümikon wurden aktiv und übergaben der Familie Geld- und Sachspenden. Der Gemeinderat ergriff ebenfalls Massnahmen, erkundigten sie sich beim kantonalen Sozialdienst nach Möglichkeiten und führte ein Beschäftigungsprogramm für Asylsuchende ein. Reger kann sich inzwischen gegen eine bescheidene Entlohnung in der Gemeinde betätigen.

Kleiner Lohn für die Arbeit

Das Beschäftigungsprogramm richtet sich an alle Asylsuchende, die mit ihrem Einverständnis für die Öffentlichkeit arbeiten und dafür eine Entschädigung erhalten. Der kantonale Sozialdienst gibt die Rahmenbedingungen dafür vor. «Das Programm ist sehr gut angelaufen. Aufgrund unserer positiven Erfahrungen kann ich mir gut vorstellen, dass es künftig auch in anderen Gemeinden der Region eingeführt wird», sagt Urs Habegger, Ammann von Rümikon.

Reger ist Teil dieses Programms und für den Unterhalt im Dorf zuständig: Unkraut jäten, Abfalleimer leeren und die Grillstelle instand halten gehören zu seinen täglichen Aufgaben. Der überschaubare Lohn von sieben Franken pro Tag steht für ihn jedoch nicht im Vordergrund. «Für Reger ist es Ehrensache, älteren Leuten die Arbeit abzunehmen. Seitdem er für die Gemeinde arbeitet, ist das Dorf stets ordentlich und gepflegt, was die Bewohner schätzen», sagt Sadkowski.

Es folgt die Erleichterung: Im Mai hat die Familie die Aufenthaltsbewilligung mit dem Status F, vorläufig aufgenommen, erhalten. Um sich gut integrieren und verständigen zu können, besucht das Paar Deutschkurse. Sicher begünstigt das auch die Stellensuche der beiden. Reger Ibrahim möchte gerne in der Landwirtschaft oder wieder in der Gastronomie tätig sein. «Ich wünsche mir, wieder in der Pflege zu arbeiten», sagt Inas Ahmed. Die junge Familie will mit dem verdienten Geld für die Kosten von Ryans Behandlung aufkommen. Sein Gesundheitszustand ist dank den regelmässigen Behandlungen im Kantonsspital Aarau relativ stabil. Im Moment sehen sie einer Zukunft in der Schweiz dankbar und voller Zuversicht entgegen.