Auszeichnung

In dieser Aargauer Gemeinde stehen die schönsten Brunnen der Schweiz

Erneut wird die kleinste Stadt im Land geehrt. Die Gemeinde erhält den mit 30'000 Franken dotierten Brunnenpreis. Somit ist Kaiserstuhl in 23 Jahren die vierte Gemeinde im Aargau, die den Preis gewinnt.

Gemächlich plätschert das Wasser in den Widderbrunnen im Herzen Kaiserstuhls. In der steilen Gasse zwischen den herrschaftlichen Häusern mit hohen Gibeln geniessen drei Frauen ihren Kaffee. «Wir haben einen Schatz, den wir hüten und pflegen müssen», sagt Ammann Ruedi Weiss.

Das macht die flächenmässig kleinste Stadt (32 Hektaren) der Schweiz offenbar sehr umsichtig: Kaiserstuhl ist im Bundesinventar für schützenswerte Ortsbilder von nationaler Bedeutung eingetragen, erhielt den Aargauer Heimatschutzpreis und schaffte es 2019 unter die schönsten 50 Ortschaften der Schweiz.

Der älteste Brunnen Kaiserstuhls im Herzen der Stadt: der Widderbrunnen von 1615. Ruth Michel Richter (v. l.) und Ruedi Weiss verfassten die Texte der neuen Broschüre, Konrad Richter machte die Fotos.

Der älteste Brunnen Kaiserstuhls im Herzen der Stadt: der Widderbrunnen von 1615. Ruth Michel Richter (v. l.) und Ruedi Weiss verfassten die Texte der neuen Broschüre, Konrad Richter machte die Fotos.

In diesem Jahr wird dem Städtli am Rhein die nächste Ehre zuteil: Die Ernst und Hanna Hauenstein-Stiftung vergibt den Brunnenpreis 2020 an Kaiserstuhl. Seit 1997 die vierte Aargauer Gemeinde, die den mit 30'000 Franken dotierten Preis gewinnt.

«Wir haben ein sehr intakten mittelalterliches Ortsbild», sagt Ruedi Weiss. Keines der Häuser innerhalb der Stadtmauern sei jünger als 300 Jahre. Dass alles so gut erhalten blieb, sei ein Vorteil, den man auch vermarkten könne. Zu den Stadtführungen kommt mit dem nun verliehenen Preis bald eine zusätzliche Führung zu den acht Brunnen hinzu – inklusive einer neuen Broschüre.

Ochsenkarren holperten jahrhundertelang vorbei

«Der Widderbrunnen hat die längste Geschichte, die wir heute noch nachvollziehen können», sagt Weiss. 1615 erhielt der Mellinger Brunnenmeister Jakob Stern den Auftrag, den brüchigen «Oberen Brunnen» auf dem Marktplatz aus dem 13. Jahrhundert zu ersetzen.

Der achteckige Trog des neuen Widderbrunnen verzierte er mit einem Reiter und Reliefs von Wasserjungfrauen, «abschätzig auch doppelschwänzige Fischweiber genannt», sagt Ruth Michel Richter. Sie verfasste mit Ruedi Weiss die Texte in der Broschüre. Die Fischbank neben dem Brunnen blieb unangetastet – nur hier durften Fischer ihren Fang feilbieten.

Der Widderbrunnen war damals zentral für die Kaiserstuhler. Hier holten sie ihr Trinkwasser, wuschen die Frauen ihre Wäsche und tauschten sich über den neusten Klatsch aus, erfrischten sich Söldner, Pilger und Bettler oder füllten Feuerwehrmänner ihre Ledereimer mit Löschwasser, wenn es im Städtli brannte.

Jahrhundertelang holperten Ochsenkarren und Pferdefuhrwerke über die Hauptgasse am Brunnen vorbei. «Bis zum Bau der Umfahrungsstrasse 1895 war die Gasse die einzige Verbindung zwischen Rheinbrücke und Obertor», sagt Ruth Michel Richter. Heute erfrischen sich am Widderbrunnen Velofahrer oder planschen Kinder an Sommertagen im Wasser.

Weshalb das Wasserrad bei einem Brunnen fehlt

Die Stadtgeschichte lässt sich auch am Platz zwischen Stadtkirche und dem ehemaligen Spittel entdecken: Der Herman-Suter-Brunnen von 1963 erinnert an einen der bedeutendsten Schweizer Komponisten. Der Spätromantiker verbrachte seine ersten fünf Lebensjahre in Kaiserstuhl. Der bedeutende Wettinger Bildhauer Eduard Spörri (1901– 1995) gestaltete die Brunnenfigur, ein singender Bub aus Bronze.

Heute nicht mehr bekannt ist der Kaiserstuhler Söldnerführer Hans Kaltschmid, der 1515 in Marignano und 1531 im zweiten Kappelerkrieg kämpfte. Ihm ist der Kaltschmidbrunnens von 1962 bei der Umfahrungsstrasse gewidmet. Dessen Trog ist ein Findling aus Bündner Granit, jener des Brunnens bei der ehemaligen Bezirksschule von 2001 besteht aus einem Porphyr-Findling.

Diesen Brunnen mit Wasserrad kreierte der Kaiserstuhler Kunstschmied und Metallbauer Hamper von Niederhäusern. Da die Wasserschlachten der Schüler zuweilen ausarteten, verschwand das Rad wieder. Mit dem Hauenstein-Preis können die Brunnen instand gehalten werden.

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