Seit sechs Jahren lebt Uwe (Name geändert) in der Schweiz. Doch wenn er redet, ist unverkennbar, dass er aus Sachsen kommt. Die kurzen, braunen Haare hat er mit Wasserstoff aufgepeppt, am Daumen und im Ohr trägt er Ringe, am Kinn ein keckes Spitzbärtchen. Er hat auf dem Bau gearbeitet, würde das auch gerne weiterhin tun.

«Seit einem Jahr bin ich nun schon krankgeschrieben», jammert er. Er habe da im Magen und im Darm so Entzündungen, oder was auch immer, und lebe von Sozialhilfe. Quartier bezogen hat Uwe im Fremdenzimmer eines abgewrackten Hotels, das monatlich 670 Franken kostet. Er ernährt sich von Käse, Aufschnitt und aus Büchsen, «Ich kann ja nicht kochen da». Freunde oder Bekannte habe er keine.

Uwes Krankheit kommt – das darf füglich angenommen werden – vom Saufen. «Sicher zwei Jahre lang hatte ich massiv Alkohol konsumiert.» Der Alkohol war letztlich auch schuld, warum er vor Einzelrichter Cyrill Kramer sass. Im Suff nämlich hatte Uwe öfter die Kontrolle über sich verloren. Dann hatte er seine aus dem Schwarzwald stammende Frau mit übelsten Ausdrücken beschimpft, hatte seinen Teenager-Stiefsohn mal heftig gewürgt, mal mit einem Messer bedroht. Und obwohl die Polizei eine amtliche Wegweisung aus der gemeinsamen Wohnung verfügt hatte, war Uwe wieder dorthin zurückgekehrt.

Arbeit, Wohnung und Frau

Wegen mehrfacher Drohung, Tätlichkeiten, einfacher Körperverletzung und Ungehorsam gegen eine amtliche Verfügung hatte die Staatsanwältin dem 41-Jährigen sechs Monate unbedingt aufgebrummt. Dagegen hatte er Einspruch erhoben, worauf das Obergericht die Strafe in eine bedingte umwandelte. Schliesslich hatte Uwes Frau zunächst schriftlich die Sistierung des Strafverfahrens verlangt und anschliessend ihre Strafanzeige gar zurückgezogen. Ihr Sohn tat dasselbe. Nichtsdestotrotz erhob die Staatsanwältin erneut Anklage – ohne dass neue Straftaten dazu gekommen waren – und forderte nunmehr 12 Monate bedingt.

Uwes Noch-Ehefrau – die Scheidung läuft – versicherte als Auskunftsperson vor Gericht, dass sie die Anzeige aus freien Stücken zurückgezogen habe. Der Beschuldigte seinerseits berichtete, dass er psychologisch das ganze «Pi-Pa-Po» absolviert habe und jetzt seit einem Jahr trocken sei. Ja, sagte er auf die entsprechende Frage von Richter Kramer, er habe mal zurück nach Sachsen gehen wollen, «aber jetzt nicht mehr!» Er wolle hier wieder arbeiten können, eine Wohnung und eine neue Frau haben.

Anklage nicht nachvollziehbar

Uwes Verteidiger forderte eine Busse von höchstens 400 Franken wegen Ungehorsam gegen eine amtliche Verfügung. Von den übrigen Anklagepunkten sei sein Mandant frei zu sprechen, da die Strafanzeigen zurückgezogen wurden.

Gerichtspräsident Cyrill Kramer folgte diesem Antrag nur teilweise: Da der Stiefsohn bei einem der Übergriffe von Uwe auf ihn noch nicht volljährig war, ist dies ein Offizialdelikt. Somit konnte diese Anzeige vom Stiefsohn gar nicht zurückgezogen werden.

Der Richter verurteilte Uwe wegen versuchter einfacher Körperverletzung zu einer unbedingten Geldstrafe von 600 Franken und wegen des Ungehorsams zu 250 Franken Busse. Es sei, so Kramer in der Begründung, nicht nachvollziehbar, warum die Staatsanwältin auch nach Rückzug der Strafanzeigen ihre gesamte Anklage aufrechterhalten und den Strafantrag sogar verdoppelt habe.