Bad Zurzach

Ihre Figuren gehören zu den Glücklosen

In ihrem Prosa-Debüt erzählt Sybil Schreiber 15 bittersüsse Kurzgeschichten.

In ihrem Prosa-Debüt erzählt Sybil Schreiber 15 bittersüsse Kurzgeschichten.

Sybil Schreiber zeigt sich in ihrem Prosa-Debüt «Sophie hat die Gruppe verlassen» von einer neuen Seite.

Mit ihren witzig-ironischen Kolumnen aus dem Familienalltag gehören «Schreiber vs. Schneider» seit 18 Jahren zu den bekanntesten Ehepaaren im deutschsprachigen Raum. In ihrem ersten Solobuch zeigt sich Sybil Schreiber von einer stillen und bisweilen melancholischen Seite, die die Öffentlichkeit noch nicht von ihr kennt.

«Sophie hat die Gruppe verlassen» beinhaltet rund 15 Kurzgeschichten von glück- und erfolglosen Menschen, die im Alltag ein Schattendasein fristen und kaum je Beachtung finden. Trotzdem haben sie starke Gefühle und Sehnsüchte, wie alle anderen auch. Die unterschiedlichen Charaktere, die Schreiber zum Leben erweckt, zeichnet sie mit ihrer klaren Sprache so präzis, dass sie vor dem geistigen Auge des Lesers lebendig werden.

Das Kopfkino läuft, wenn von Mauerblümchen Mina Born die Rede ist, die in einem Verlag arbeitet und sich in den Portier verliebt. Auch er eine graue Eminenz, die am Eingangstor meist übersehen wird. Dass es nur weniger Worte bedarf, um eine Geschichte zu erzählen, zeigt Schreiber in ihren Resumées unter dem Titel «Beziehungsweise», die oft nur aus zwei Sätzen bestehen. Zum Beispiel: «Für dich würde ich meinen Mann verlassen», sagt sie. Da wollte er sie nicht mehr.

Bittersüss und oft gar brutal enden die Geschichten in «Sophie hat die Gruppe verlassen». Alle Protagonisten verbindet ihre menschliche Sehnsucht nach persönlichem Glück und ihre Einsamkeit, die auch etwas Kraftvolles in sich hat.

«Wer es aushält, allein zu sein, ist stark», meint Schreiber überzeugt. Zu ihren ganz grossen Begabungen gehört ihr scharfer Beobachtungssinn. «Wenn ich irgendwo im Restaurant sitze, fallen mir vor allem die kleinen Dinge auf. Zum Beispiel wie der Tischnachbar nervös sein Zuckertütchen öffnet, und seine Finger dabei leicht zittern», erzählt die Autorin und Journalistin. Solche Momentaufnahmen inspirieren sie zu ihren Figuren und Geschichten.

Messehaus als Inspirationsort

Den Grossteil ihres Buches hat sie im alten Bad Zurzacher Messehaus «Hirschli» geschrieben, in dem ab Herbst wieder zahlreiche Schreib-Workshops und Lesungen stattfinden. Das jahrhundertalte Gebäude atmet Geschichte und ist ein hervorragender Inspirationsort.

War es für sie wichtig, ein Erzeugnis herauszugeben, auf dem nicht wie üblich das Label «Schreiber-Schneider» sondern nur ihr Name steht? «Nein. Aber Steven und ich arbeiten so viel zusammen, dass jeder zwischendurch auch seinen eigenen Raum braucht», meint die zweifache Mutter.

Steven Schneider brachte Ende letztes Jahr sein Buch «Elektrisiert – Geschichte einer Schweiz unter Strom» heraus und ist nun an einem neuen Werk über Männer und die Liebe, wie Schreiber verrät. Und dann gesteht sie noch etwas: «Ohne Steven wäre mein Buch wahrscheinlich gar nie herausgekommen.»

Das Manuskript lag nämlich schon länger in ihrer Schublade. Weil sie Perfektionistin ist, war es ihr nie gut genug für eine Veröffentlichung. Aber ihr Mann sah darin viel Potenzial und zeigte die Geschichten heimlich dem Verleger des Zürcher Salisverlags. Dieser war begeistert.

Erweist es sich als einfacher oder schwieriger, ein Buch im Alleingang herauszugeben, wenn man in den Köpfen der Leute als bekanntestes Kolumnisten-Duo der Schweiz verankert ist? Schreiber: «Beides. Die Verlage sind uns gut gesinnt. Aber manche Leute zeigen sich auch irritiert, dass es uns einzeln auf dem Markt gibt.» Ob solo oder zu zweit: Der Stoff geht Steven Schneider und Sybil Schreiber nicht aus. Kürzlich schrieb ihnen ein Leser begeistert: «Ich habe diese Woche wieder so über ihre Zeitungs-Kolumne lachen müssen. Für mich sind sie wie Roger Federer. Ich werde einfach nie enttäuscht.»

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