Studenland

Holzfrevel und Schweinemast: Historiker lüftet das «Studenland-Rätsel»

Siglistorf gehört zum Studenland. Rings um das Dorf herum sind die Wälder wieder intakt.

Siglistorf gehört zum Studenland. Rings um das Dorf herum sind die Wälder wieder intakt.

Studenland: So wird der Landstrich auf den Anhöhen zwischen der Surb und dem Rhein genannt. Vor mehreren Jahrhunderten kam er zu seinem Namen, wie der Hobbyhistoriker Ulrich Brandenberger schreibt.

Der Begriff «Studenland» wird oft verwendet: Es gibt einen Jodlerclub Studenland, einen Forstbetrieb Studenland und einen Ferienpass Studenland. Doch woher hat das Studenland seinen Namen und welche Gemeinden gehören dazu?

Antwort weiss der 46-jährige Ulrich Brandenberger aus Trub im Emmental, der bis 2010 in Weiach lebte und sich als Hobbyhistoriker mit der Herkunft des Namens «Studenland» beschäftigte. Brandenberger hat die Ergebnisse in einem privaten Blog unter dem Titel «Wie das Studenland zu seinem Namen kam» veröffentlicht.

Darin verweist er auf Heinrich Gutersohn, der die Abgrenzung des Studenlands in seinem 1969 veröffentlichten Buch «Geografie der Schweiz» beschreibt: «Das Teilgebiet zwischen Surbtal und Rheintal wird auch Studenland genannt.»

Abschliessend ist damit die Frage nicht geklärt, welche Gemeinden zum Studenland gehören. Als sicher gelten dürfen Schneisingen, Siglistorf, Wislikofen, Baldingen und Böbikon; ein Fragezeichen muss hinter Kaiserstuhl, Fisibach, Mellikon und Rümikon gesetzt werden.

Aufschlussreich sind die Ausführungen Brandenbergers über den Ursprung der Gebietsbezeichnung «Studenland»: Seinen Ausführungen zufolge gab es ab dem 16. Jahrhundert im Zürcher Unterland und im Zurzibiet viele hungrige Mäuler. Immer öfter wurden die öffentlichen Wälder als Weideplatz für das Vieh genutzt. «Besonders beliebt war der sogenannte Ackeret – die Schweinemast in einem Eichenwald», schreibt Brandenberger.

Als weiteres grosses Problem der damaligen Zeit nennt der Hobbyhistoriker den sehr hohen Bedarf der Bevölkerung an Brennholz. Das Schlagen von Brennholz in grossen Mengen führte in Verbindung mit der Nutzung des Waldes als Weide für Schweine, Schafe und Ziegen dazu, dass sich die Wälder nicht mehr verjüngen konnten. Es wuchsen nur noch Büsche, sogenannte «Stauden».

Frevel war ein grosses Problem

Ein anderes Beispiel, wie das Studenland geografisch abgegrenzt wird und wie es zu seinem Namen kam, liefert Oberförster Wanger aus Aarau in einem 1925 veröffentlichten Bericht: «Das Studenland ist kein fest abgegrenzter Teil des Kantons Aargau. Doch darf man als solches den östlich der Aare gelegenen Teil des Bezirks Zurzach bezeichnen. Es ist das Land, dessen Bewohner im Walde bis vor kurzem eine Staudenwirtschaft führten.»

Im Studenland habe sich der Eichenschälwald, ein naher Verwandter des Staudenwaldes, am längsten erhalten. «Der Erlös aus dem Verkauf der abgeschälten Eichenrinde bildete lange Zeit die vornehmste Einnahme der meisten Gemeinden.»

Die Blütezeit der Staudenwirtschaft und die mit ihr einhergehende Vernachlässigung der Waldbewirtschaftung datiert Wanger auf die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Als weiteren Grund der Waldübernutzung zwischen Surb und Rhein nennt er den Holzfrevel. Eine grosse Zahl «Professionsfrevler» hätten sich und ihre Familien jahraus, jahrein durch den Frevel erhalten, berichtet Wanger mit Bezug auf den damaligen Bezirksforstinspektor.

«An Sonn- und Feiertagen wurden – anstelle des Gottesdienstes – die Waldungen auf Beute ausgekundschaftet und Letztere dann zur Nachtzeit in Sicherheit gebracht.»

Die Kehrtwende

Die Bekämpfung des Holzfrevels und die Abkehr von der Nutzung des Waldes als Weideland sowie die grossen finanziellen Anstrengungen der Studenland-Gemeinden führten dazu, dass sich die Wälder langsam erholen konnten.

Seinen Bericht schliesst Wanger mit der Hoffnung, «dass auch das Studenland dereinst stammstolze Waldungen sein eigen nennen kann. Waldungen, die den früheren Landesnamen in Vergessenheit geraten lassen».

Der erste Wunsch Wangers ist in Erfüllung gegangen: Die Gemeinden im Studenland besitzen heute tatsächlich «stammstolze Waldungen». Die Gebietsbezeichnung «Studenland» mit ihrer teils unschönen Entstehungsgeschichte ist indes nicht in Vergessenheit geraten und lebt in vielen Vereinen und Organisationen weiter.

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