Jahrelang zogen sich die Diskussionen um Standort, Gestaltung und Kosten des Holocaust-Mahnmals in Berlin hin. Seit 2005 ist die Gedenkstätte in der deutschen Hauptstadt für die Öffentlichkeit zugänglich – inzwischen zeigen sich aber Risse in den Stelen aus Beton, was erneut zu Diskussionen führt.

Deutlich weniger umstritten ist das Holocaust-Mahnmal, das gestern Sonntag auf dem jüdischen Friedhof Endingen-Lengnau eingeweiht wurde. Allerdings verstrichen von der ersten Idee bis zur Umsetzung auch zehn Jahre, wie Max Bloch, Präsident des Vereins zur Erhaltung der Synagogen und des Friedhofs Endingen-Lengnau, sagte.

Bei der Einweihungsfeier, die wetterbedingt im jüdischen Altersheim in Lengnau stattfand, nahm Bloch auf die Inschrift auf dem Gedenkstein Bezug. «Zum ewigen Gedenken an jene, die während der Schoah statt einer Zuflucht den Tod und keine Grabstätte gefunden haben», ist dort zu lesen.

Bloch sagte, es sei zwar nachvollziehbar, dass sich die Schweiz in der Flüchtlingspolitik im 2. Weltkrieg hinter dem Deckmantel der Neutralität versteckt habe. «Mit einem humanen Gewissen vereinbar ist dies aber nicht.»

92-Jähriger entwarf den Text

Entworfen hat den Text Erich Bollag – der 92-jährige Jude ist Ehrenmitglied des Vereins und hat im Krieg Aktivdienst geleistet. «Ich habe damals selber gesehen, wie Schweizer Soldaten auf einer Grenzbrücke Flüchtlinge zurückgeschickt haben», erzählte Bollag. Und er hielt fest: «Hätte die Flüchtlingspolitik der Schweiz nicht im Zeichen des vollen Bootes gestanden, würden wir heute weniger Opfer gedenken.»

Marcel Yair Ebel, Rabbiner der Israelitischen Kultusgemeinde Zürich, bedauerte, dass nicht alle gefährdeten Juden in der Schweiz sichere Zuflucht gefunden hätten. «Der Gedenkstein soll dafür sorgen, dass wir ein solches Unglück wie den Holocaust nie mehr zulassen.»

Der israelisch Rabbiner Yechiel Wassermann stellte bei seiner Rede die zwei Bedeutungen des Erinnerns in den Vordergrund. Der Sohn von zwei Holocaust-Überlebenden wünscht sich, das Mahnmal möge einerseits dem Gedenken an die Opfer dienen und andererseits die Welt daran erinnern, dass alles getan werden müsse, damit sich ein derartiges Verbrechen nie wiederholt.

Edouard Selig, Geschäftsleitungsmitglied des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes, betonte: «Das Mahnmal erinnert an die Vergangenheit und zeigt gleichzeitig einen guten Weg in die Zukunft.» Selig wies auf die Gefahr eines neuen Antisemitismus hin, den er in seiner Tätigkeit gelegentlich wahrnehme.

Thomas Pauli, Leiter der kantonalen Abteilung Kultur lobte das Mahnmal als «sichtbares Zeichen gegen Intoleranz, Ignoranz und Fremdenfeindlichkeit». Heute setze sich der Kanton sehr dafür ein, die Geschichte der Juden im Aargau sichtbar zu machen», ergänzte er.

Für den Endinger Gemeindeammann Lukas Keller ist das Mahnmal «ein weiterer Meilenstein in der Geschichte des Friedhofs. In der Vergangenheit habe es auch im Aargau Auseinandersetzungen und Diskriminierungen von Juden gegeben», sagte Keller. «Inzwischen läutet die Glocke der Synagoge für alle, Juden und Christen», wies er auf die heutige Verbundenheit der Religionen hin.

Symbolik des Gedenksteins

Doch was symbolisiert das Mahnmal tatsächlich? Die Bronzeskulptur ist laut Künstler Dan Rubinstein eine offene Sechs. Dies soll zeigen, dass mehr als 6 Millionen Juden Opfer des Holocaust wurden.

«Auch all jene, die nicht geboren wurden, weil ihre möglichen Eltern umgebracht wurden, gehören zu den Opfern», begründete Rubinstein. Die Aussparung im bronzenen Teil gleicht einer Träne, sie steht als Zeichen der Trauer. Und die beiden Flammen haben die Form des hebräischen Buchstabens Yod, was laut Rubinstein als «Jude» verstanden werden kann.