Döttingen

Hohe Zäune entlang der Strasse: «Wildtiere befreit und Autofahrer gefangen»

Die Kantonsstrasse bei Döttingen ist durch die hohen Wildtier-Schutzzäune geprägt.

Die Kantonsstrasse bei Döttingen ist durch die hohen Wildtier-Schutzzäune geprägt.

Auf einer Länge von 600 Metern engen 1,8 Meter hohe Zäune beim Wildtierkorridor den Verkehr ein. Einen Schönheitspreis wird die Anlage nie erhalten, aber der Korridor von nationaler Bedeutung ist nicht nur für die Füchse, sondern für alle wild lebenden Tiere.

Wer an so exponierter Stelle baut, muss sich über kritische Kommentare nicht wundern. Täglich rollen hier, zwischen Würenlingen und Döttingen, vor der Abzweigung zur Beznau, rund 4500 Autos und Lastwagen vorbei.

«Ich dachte schon, ich sei am Zoll in Koblenz», meinte ein auswärtiger Autofahrer angesichts der hohen und verzinkten Gitterzäune. «Die Wildtiere hat man befreit, dafür die Autofahrer gefangen», meinte ein einheimischer Lenker zum einengenden Gefühl auf der Kantonsstrasse.

Einen Schönheitspreis wird die Anlage sicherlich nie erhalten, aber von Natur- und Landschaftsschützern sind bisher offiziell keine Proteste eingegangen. Vielleicht, weil sie die Landschaft hinter den hohen Zäunen jetzt nicht mehr sehen können.

Für die Sicherheit nötig

Per Telefon und Mail bekommen auch die Bauherren die Sprüche mit. Das sei typisch Kanton, er werfe hier wieder Geld zum Fenster hinaus. Die mit 1,8 Metern wirklich sehr hohen Zäune begründet Projektleiter Guido Sutter von der Realisierung in der Abteilung Tiefbau beim Departement BVU mit der Sicherheit. Denn dieser Wildtierkorridor von nationaler Bedeutung ist nicht nur für die Füchse, sondern für alle wild lebenden Tiere.

Auch Rehe mit ihrer grossen Sprungkraft müssen von der Strasse ferngehalten werden, irgendwann werden auch Rothirsche auftauchen. «Solche Tiere auf der Fahrbahn wären für die Autolenker eine Riesengefahr, die man unbedingt vermeiden muss», sagt Sutter. Weil die Tiere von Westen nach Osten und in umgekehrter Richtung wandern, seien zwei Zäune von gleicher Länge zwingend nötig. Dadurch werden die grösseren Tiere in die Unterführung geleitet, die kleineren und Amphibien in die drei Kleintier-Durchlässe.

Direkt vor die Bahnlinie

Das Gesamtprojekt hat einen weiteren Schönheitsfehler, der gerne bemängelt wird: Die 20 Meter breite und drei Meter hohe Unterführung – quasi eine Wildtier-Autobahn – endet direkt vor der Bahnlinie Döttingen–Station Siggenthal. Das einzige Bahngleis bilde aber keine Barriere. Bei einem Ausbau auf zwei Gleise und den Viertelstundentakt müssten die SBB die breite Unterführung fortsetzen. Denn die Vernetzung macht nur Sinn, wenn sie weiträumig geschieht.

Eine Fortsetzung ist darum an der Aare geplant, oberhalb Beznau, mit einer Flachwasserzone auf der Böttstemer Seite. Das Projekt ist pfannenfertig und als Öko-Ausgleich für einen Neubau des Wasserkraftwerks Beznau vorgesehen. Weil die Energieszene kaum Geld für Investitionen hat, kann sich Thomas Gremminger, Leiter Fachbereich Landschaft und Vernetzung im BVU, auch den Ausbau als Vorleistung durch Kanton oder Axpo vorstellen.

Für die Autofahrer ist der Kontrast zwar heftig, früher rollten sie dem Waldrand und einer freien Wiese entlang, heute sind sie eingezäunt. Aber für die zweifellos nötige Bewegungsfreiheit der Wildtiere sind die Unterführungen sicher zweckmässig. Die schwierige Bauzeit unter starkem Verkehr verlief erstaunlich gut, die nötige Verlegung der Swisscom-Leitung inbegriffen. Auch dank einer günstigen Offerte werden die Kosten markant tiefer ausfallen. «Die aktuelle Endkosten-Prognose beläuft sich auf rund 3 Millionen Franken», betont Guido Sutter. Aus der Strassenkasse sind für das Projekt 4,05 Millionen Franken bewilligt worden.

Büsche und Monitoring

Pendent sind zwei Massnahmen: Auf der Wiesenseite wird dass Forstamt bei den Ausgängen noch dieses Frühjahr Büsche pflanzen, zum besseren Schutz für die Tiere. Im Sommer und Herbst und auch im Winter wird mit Kameras und allfälligen Spuren im Schnee aufgezeigt, welche Tiere wann ihre neuen Strassen benützen. Drei Rehe haben die breite Unterführung schon während der Bauzeit tagsüber begutachtet.

Autor

Andreas74

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