Abstimmung

Hitzige Debatten um den Atomausstieg: Wie klar sagt das Zurzibiet diesmal Nein?

Blick auf den Kühlturm des Kernkraftwerkes Leibstadt (KKL) Reuters

Blick auf den Kühlturm des Kernkraftwerkes Leibstadt (KKL) Reuters

Kein Bezirk wäre vom Atomausstieg stärker betroffen. 2003 verwarfen die Zurzibieter die Vorlage zum Atomausstieg noch klar mit über 85 Prozent Nein-Stimmen. Die Linke spricht von hitzigen Debatten und sozialem Druck

Das Zurzibiet ist das Zentrum der Schweizer Atomkraft: Hier stehen drei der fünf Reaktoren des Landes, in Würenlingen wird der Atommüll zwischengelagert und im Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Villigen forschen Wissenschafter im Bereich nuklearer Energie – und das alles innerhalb eines Radius von drei Kilometern.

Würde das Stimmvolk morgen Ja sagen zum Atomausstieg, hätte dies Folgen für das ganze Zurzibiet: Die Beznau-Betreiberin Axpo beschäftig über 500 Mitarbeitende, rund 400 davon leben in der Umgebung. Das Gewerbe erhielt in den letzten fünf Jahren Aufträge für durchschnittlich 13 Millionen Franken pro Jahr.

Deshalb verwundert es auch nicht, dass bei der letzten Abstimmung zum Atomausstieg 2003 das Ergebnis nirgends in der Schweiz so klar ausfiel: 85,35 Prozent der Zurzibieter sagten Nein. In Döttingen waren es 91, in Leibstadt sogar 95 Prozent. Ob das Verdikt auch morgen so klar ausfallen wird, ist offen. Zumindest im links-grünen Lager glaubt man, dass die Atomkraft auch im Zurzibiet weniger Unterstützung geniesst als früher.

«Für mich und die SP ist sonnenklar: Wir stimmen Ja», sagt Monika Stadelmann, Grossrätin und Co-Präsidentin der Bezirkspartei. Zwar hat der Bund mit der Energiestrategie 2050 den Ausstieg aus der Atomkraft beschlossen. Für die Bad Zurzacherin geht diese aber zu wenig weit. «Mit dem 47-jährigen Reaktor in Beznau haben wir das älteste Kernkraftwerk der Welt. Stellen Sie sich vor, wie alt Beznau bis 2050 ist!» Dass im Zurzibiet die Angst umgeht, den Job zu verlieren, kann sie verstehen. «Das ist immer dramatisch. Aber eine Umweltkatastrophe ist wesentlich schlimmer. Auch davon wären die Zurzibieter direkt betroffen.»

GLP-Präsident Marcel Grüninger erwartet keine Entlassungswelle: «Die AKWs müssten zuerst noch rückgebaut werden. Auch dafür braucht es Spezialisten. Bis in Beznau wieder Rüebli gepflanzt werden können, dauert es sicher 15 Jahre.» Zudem würden neue Arbeitsplätze geschaffen im Bereich der erneuerbaren Energien, ist er überzeugt. In seinem Bekanntenkreis halten sich Befürworter und Gegner die Waage. Der Abstimmung blickt der Koblenzer dennoch realistisch entgegen: «Im Zurzibiet wird es wohl ausgehen wie 2003: mit einem klaren Nein.»

Von einem sozialen Druck, sich nicht gegen die AKWs zu äussern, spricht Hanspeter Meier (Grüne). «Viele haben eine Verbindung zu den AKWs und können sich ein AKW-loses Zurzibiet gar nicht vorstellen.» Dabei biete das PSI eine Zukunft ohne den «verstrahlten Dreck».

Nicht ganz so drastisch sieht es Stadelmann. Zwar werde die Debatte zum Atomausstieg im Zurzibiet hitziger geführt als anderswo. «Die Menschen setzen sich immer stärker damit auseinander, was vor ihrer eigenen Haustüre passiert», sagt sie. «Mir fällt aber auf, dass es vor allem unter den jungen Zurzibietern auch viele Atomgegner hat.» Und auch ihr Parteikollege Markus Frey, der mit ihr das Präsidium der Bezirkspartei teilt, sagt: «Als SP-ler steht man in der Region zwar öfters auf verlorenem Posten da.» Dennoch spürt der Hettenschwiler, dass seit Fukushima ein Umdenken stattgefunden hat: «Ich gehe davon aus, dass nicht mehr so viele gegen den Atomausstieg stimmen werden wie noch 2003.»

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