Hans Studinger

Hitler-Bilder, Gefangenschaft und verbotene französische Wörter: So erlebte ein Waldshuter die Nazi-Zeit

Hans Stundinger schrieb ein Buch über die NS-Zeit.

Hans Stundinger schrieb ein Buch über die NS-Zeit.

Hans Studinger ist in Zeiten des Nationalsozialismus aufgewachsen. Er erzählt von Erlebnissen zwischen 1932 und 1948.

Immer weniger Menschen haben das dunkelste Kapitel deutscher Geschichte noch selbst erlebt. Immer weniger Zeitzeugen können aus erster Hand vom Nationalsozialismus erzählen. Einer dieser wenigen ist der Waldshuter Hans Studinger. Der 93-Jährige ist eine stadtbekannte Persönlichkeit, die über Jahrzehnte als CDU-Politiker die Geschicke der Stadt Waldshut-Tiengen mitbestimmte. Dies geprägt von Erfahrungen, die er als Kind, Schüler, Ministrant, Luftwaffenhelfer und Kriegsgefangener vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hatte.

Er war keine sechs Jahre alt, als er 1932/33 von der Terrasse des Wohnhauses der Familie Studinger Aufmärsche auf dem Waldshuter Johannisplatz verfolgte. Zunächst noch von Kommunisten, später nur noch von Nationalsozialisten. Er war noch keine 18 als er im April 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, in französische Gefangenschaft geriet. Erst nach vier Jahren kehrte er nach Waldshut zurück. Zwischen 1932/33 und Kriegsende hatte der junge Hans Studinger erlebt, wie auch in seiner Heimatstadt Waldshut die Nationalsozialisten zunehmend das öffentliche und private Leben dominierten. Seinen Vortrag «Eine Jugend im NS-Staat» hielt er zuletzt beim Treffen des Freundeskreises Jüdisches Leben in Waldshut-Tiengen. Ausserdem hielt er seine Erinnerungen in einem reich bebilderten Buch fest.

Vater trat unter Druck der Sturmabteilung bei

Als er 1992 seine Berufstätigkeit als Geschäftsleiter beim Amtsgericht Waldshut beendete und in Pension ging, beschloss Hans Studinger, ermuntert von seinen vier Kindern, seine Erinnerungen aufzuschreiben. Den Blick zurück verbindet er mit der Gegenwart: «Die AfD hat heute unter anderem deshalb so viel Zulauf, weil kaum einer noch weiss, wie der Alltag in Nazizeiten war und wie man mit politischen Gegnern wie Kommunisten und Sozialisten umging», sagt er. «Vielleicht», fügt er hinzu, «kann ich ein bisschen entgegenwirken, dass wir den Rechten nicht wieder wie damals nachlaufen, sollten sie wieder an die Macht kommen.»

Hans Studinger war ein Einzelkind. Seine Mutter war Bahnschrankenwärterin, sein Vater Bademeister. «Mein Vater war nicht ganz parteikonform und wurde mehrmals von der Partei gerügt, unter anderem weil sein Sohn – also ich – Ministrant war. Er trat 1933 schliesslich unter Druck der SA (Sturmabteilung) und NSDAP bei, weil er sonst seine Arbeit als Bademeister verloren hätte.» Im selben Jahr kam er in die Volksschule. Die Klassenzimmer hatten Lautsprecher. Reden von Hitler und anderen Parteigrössen wurden live übertragen. «Wir sollten keine französischen Wörter mehr verwenden wie Trottoir und keine Baskenmützen mehr tragen.»

Auch zu Hause verändert sich das Leben. So machte der Blockwart Besuche in den einzelnen Wohnungen. «Ziel war Agitation für den Nationalsozialismus» erinnert sich Studinger. «Es war noch nicht Vorschrift, aber von Vorteil, wenn man keine ausländischen Sender hörte und ein Hitler-Bild an der Wand hing.» Im April 1933 war der erste Boykottaufruf für jüdische Geschäfte in Waldshut und Tiengen. «Ich beobachte als kleiner Junge, wie SA-Männer vor Geschäften standen, in denen man nicht mehr einkaufen durfte. Einkaufen in der Schweiz war auch zunehmend verpönt, es hiess Deutsche kaufen nicht bei den Juden und im Ausland.» Es sei zunehmend Druck ausgeübt worden, alles wurde immer straffer organisiert. «Nach 1933 gab es faktisch keine echten Wahlen mehr.»

Schwierige Rückkehr nach dem Kriegsende

Hans Studinger erinnert sich auch an seine Gefangenschaft: «Kurz vor Kriegsende wollte ich mich vom Fliegerhorst Kaufbeuren nach Waldshut durchschlagen und wurde von den Franzosen erwischt.» Im Oktober 1945 kam er ins Lager Calonne-Liévin und musste dort im Bergwerk arbeiten. «Besonders das erste Jahr war schlimm.» Im Spätherbst 1948 kehrte er nach Waldshut zurück.

Studinger bekam einen Entnazifizierungsvordruck vorgelegt und musste verschiedene Formulare ausfüllen. Auf Antrag bekam er die Genehmigung, in das Hochrhein-Gymnasium einzutreten. Das einfachere und schnellere Heimkehrerabitur in Freiburg zu machen, war ihm verwehrt. «Ich hatte nach meiner Rückkehr Anspruch auf Heimkehrergeld in Höhe von 50 DM. Er musste aber vier- bis fünfmal aufs Landratsamt, bis er es bekam. «Negative Erlebnisse nach meiner Rückkehr und die Erfahrung, dass ich als Heimkehrer nicht immer freundlich aufgenommen wurde, wirken heute stärker in mir nach als die Gefangenschaft selber.»

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