Koblenz

Historischer Eisenbahnbrücke droht Abriss: Am Ende entscheidet der Bundesrat

Ist die Eisenbahnbrücke zwischen Koblenz und Waldshut schützenswert? Grundsätzlich ja, aber es stellt sich die Frage der Verhältnismässigkeit. Severin Bigler

Ist die Eisenbahnbrücke zwischen Koblenz und Waldshut schützenswert? Grundsätzlich ja, aber es stellt sich die Frage der Verhältnismässigkeit. Severin Bigler

Laut Deutscher Bahn ist die historische Eisenbahnbrücke so marode, dass sie durch einen Neubau ersetzt werden soll. Diese gehört je zur Hälfte Deutschland und der Schweiz. Recherchen zeigen, wer auf Schweizer Seite etwas zu sagen hat.

Dem geschützten Bauwerk, das Koblenz seit 1859 mit Waldshut verbindet, droht laut Deutscher Bahn (DB) das Ende. Sie ist angeblich so marode, dass ein Neubau erforderlich sei. Die Deutsche Bahn rechnet in den nächsten 15 bis 20 Jahren mit einem Ersatz. Die 128 Meter lange Stahlkonstruktion befindet sich je zur Hälfte im Eigentum der Deutschen Bahn und der SBB. Doch was, wenn die Schweizer Seite das schützenswerte Objekt nicht abreissen wollen? Endet dann die Brücke womöglich in der Mitte des Rheins? Wie verbindlich ist der Schutz des Bauwerks überhaupt? Die Eisenbahnbrücke ist in zahlreichen Inventaren gelistet: so im Schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung, im Inventar der Kantonalen Denkmalpflege Aargau, bei der Fachstelle für Denkmalpflege der SBB und im Denkmalbuch des Landes Baden-Württemberg.

Formell nicht geschützt

Obwohl die kultur-historische Bedeutung des Bauwerks unbestritten ist, ist sie rechtlich nicht vor einem Abriss geschützt. Weder auf nationaler, kantonaler noch kommunaler Ebene. «Dass die Brücke im Schweizerischen Inventar der Kulturgüter von nationaler Bedeutung aufgeführt ist, hat keine rechtlichen Konsequenzen, sie ist formell nicht geschützt», sagt Kurt Münger, Kommunikationschef im zuständigen Bundesamt für Bevölkerungsschutz. Dennoch gilt aus fachlicher Sicht der sogenannte Schutzverdacht.

«Die SBB als Besitzerin haben für die Erhaltung von Kulturdenkmälern zu sorgen», sagt Isabel Haupt, stellvertretende Denkmalpflegerin des Kantons Aargau. Leiter der zuständigen SBB-Fachstelle ist Giovanni Menghini. Er sagt: «Die Auflistung im Inventar der Kulturgüter bedeutet für die SBB, dass wir im Rahmen der Verhältnismässigkeit angehalten sind, die Brücke zu erhalten.» Das heisst: Es gilt eine Güterabwägung zu machen unter Berücksichtigung von Aspekten wie Finanzen oder etwa dem öffentlichen Interesse am Objekt oder an der Aufrechterhaltung des Transportauftrages für die Öffentlichkeit.

Das Gesuch für das Abreissen der Brücke müsste von den SBB kommen und liefe über das Bundesamt für Verkehr. Am Ende würde der Bundesrat, nach Anhörung des Kantons und in Absprache mit der Landesregierung Baden-Württemberg, entscheiden. Auf deutscher Seite führt der Eintrag in das Denkmalbuch dazu, dass Massnahmen, die das Erscheinungsbild oder die Substanz der Brücke verändern, eine vorherige Genehmigung durch die Stadt Waldshut benötigen. Die verantwortliche Fachstelle ist das Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg.

Die SBB geben sich jedoch deutlich zurückhaltender als die Deutsche Bahn. «In nächster Zeit werden Studien zum mittel- bis langfristigen Erhalt der bestehenden Brücke durchgeführt», sagte SBB-Sprecherin Franziska Frey gegenüber der AZ. Von einer Abrissvariante ist nicht explizit die Rede. Giovanni Menghini sagt: «Die Deutsche Bahn hat im Umgang mit solchen Objekten andere Vorgaben als wir.» Und er fügt an: «Fachtechnisch wüssten wir, wie die Brücke instandzustellen ist.» Klar ist: Niemand zweifelt an der Notwendigkeit einer Brücke über den Rhein.

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