14 Jahre war Heidi Wanner Gemeindeammann der Grenzgemeinde Koblenz. Im Sommer gab die «Grande Dame» der Zurzibieter Politik ihren Rücktritt per Ende Jahr bekannt. Die Begründung liess aufhorchen: Der Umgangston sei ihr zu rau geworden, «darauf habe ich keine Lust mehr», sagte die zweifache Mutter und Grossmutter. Nun gönnt sich die 63-Jährige einige Wochen Urlaub. Vor dem Reiheneinfamilienhaus steht ein grosser Wohnwagen. Eigentlich habe sie Mitten in den Reisevorbereitungen wenig Zeit, sagt Heidi Wanner. Dennoch bietet sie dem Gast in aller Ruhe einen Kaffee an und lässt ihn am Küchentisch eine Zigarette rauchen. Auch sie raucht. «Wir sind reif für diese Ferien», sagt sie zwischen zwei Zügen. Zuerst geht es für eine Woche in die Camargue nach Saintes-Maries-de-la-Mer. Kinder und Enkelkinder werden dabei sein. Danach folgen zwei Wochen in Spanien. «Nur mein Mann Robert und ich», sagt Heidi Wanner.

Heidi Wanner, wenn man Sie telefonisch erreicht, sind Sie regelmässig mit Ihren beiden Enkelkindern beschäftigt. Was für Werte geben Sie ihnen mit auf den Weg?

Heidi Wanner: Es ist wichtig, sich zu engagieren, Gefühle nehmen und geben zu können, ehrlich zu sein mit sich selbst. Wobei das hohe Werte für Kinder in diesem Alter sind. Der Junge ist gut viereinhalb Jahre alt, das Mädchen 15 Monate.

In welcher Rolle können Sie mehr bewirken, als Grossmutter oder als Gemeindeammann?

Als Grossmutter. Der Zugang ist viel direkter. Man kann die Werte, die einem wichtig sind, unmittelbar weitergeben. In einer Gemeinde ist dieses Vorhaben viel schwieriger. Häufig prallt man einfach ab.

Treten Sie deshalb nach 14 Jahren als Gemeindeammann von Koblenz zurück?

Es liegt vor allem am Verhalten und Umgangston einzelner Leute. Es gibt Einwohner, die sind nur destruktiv und negativ. Als Gegenbeispiel kann ich meine Enkel erwähnen: Das sind zwei junge Menschen, die offen und positiv in die Welt hinaus schreiten. Sie sind neugierig, wollen etwas lernen. Diese beiden Gegensätze – das Destruktive und das Offene – kann ich nicht mehr vereinen.

Wie weit gingen diese Leute?

Es gab E-Mails, die jeden Anstand vermissen liessen, Bedrohungen, Ehrverletzungen. Das ging von ganz wenigen Personen aus. Diese erhalten aber viel zu viel Raum, rauben damit die Energie. Im Gemeinderat selbst war der Umgangston anständig.

Als Sie im Sommer Ihren Rücktritt ankündigten, sagten Sie auch, dass das teils aggressive Gebaren der nationalen Politik in der lokalen Politik angekommen ist.

Das ist so. Der Umgangston ist das Eine. Das Andere ist, dass die Kompromissbereitschaft abgenommen hat. Sowohl in der Politik wie auch in der Gesellschaft im Allgemeinen.

Was hätte Sie von Ihrem Rücktritt abhalten können?

Nichts. Im Frühling habe ich begonnen, mich mit dem Rücktritt auseinanderzusetzen. Das einzige, was ihn hätte abwenden können: Die Aufgaben des Gemeindeammanns sind hoch interessant, spannend, breit gefächert. Man ist immer engagiert, sucht nach Lösungen. Nebst allem Negativen gibt das Amt auch Befriedigung.

Wann fiel der definitive Entscheid?

Im Frühsommer. Mein Mann und ich fällten ihn gemeinsam. Er hat mich dabei unterstützt.

2012 erlitten Sie zwei Herzinfarkte. Welche Rolle spielte die Gesundheit diesmal?

Ich habe 2012 vieles zu nahe an mich herangelassen. Das drohte nun auch wieder. Das Schema hätte sich wiederholen können.

Nach den Herzinfarkten machten Sie vier Monate Pause. Haben Sie Ihre Rückkehr nie bereut?

Die Rückkehr stand für mich nie infrage.

Warum nicht?

Das Amt ist spannend, eine Herausforderung. Man weiss nie, was einem erwartet. Und das Tag für Tag. Im Normalfall findet man ja auch Lösungen, setzt sich zusammen an einen Tisch, redet und diskutiert miteinander, wägt ab. Wie gesagt: Es sind nur ganz wenige Leute, mit denen das nicht möglich ist.

Wie wurden Sie politisiert?

Das geschah an unserem Familientisch im Glarnerland, wo ich aufgewachsen bin. Wir waren keine speziell politische Familie. Aber auch an unserem Tisch wurde über den Gemeinderat geflucht (lacht).

Wie kamen Sie zur FDP?

Der Grund liegt in Adjektiven wie liberal und offen. Das war und ist mir wichtig. Es war übrigens ein FDP-Politiker, der die Geschichte von Anna Göldi aufgearbeitet hat. Die letzte Hexe der Schweiz, die 1782 in Glarus hingerichtet wurde.

Wie kommen Sie darauf?

Böse Zungen hier im Ort behaupten, die letzte Hexe wurde nicht im Glarnerland hingerichtet, sondern sie wurde nach Koblenz geschickt.

Sind das Sprüche, die Sie zu hören bekommen?

Ja. Wobei ich diesen noch lustig finde. Er wurde auch in einem nicht allzu ernsten Ton gesagt.

Sie sind nun nicht mehr die letzte Hexe, sondern – zumindest offiziell noch bis Ende Jahr – die letzte Zurzibieter Frau im Amt des Gemeindeammanns. Hatte dieser Titel eine Bedeutung für Sie?

Nein, überhaupt nicht. Ich nannte mich übrigens nie Gemeindeammann, sondern Gemeindepräsidentin. Ich finde den Begriff des Ammanns furchtbar verstaubt.

Kommt mit dem Rücktritt auch Wehmut auf?

In den letzten Monaten auf jeden Fall. Es gab viele gute Begegnungen, gute Erlebnisse. Auch die Zusammenarbeit mit den Mitarbeitenden der Gemeinde war eigentlich immer schön. Vieles wird mir fehlen.

Haben es Frauen in der Politik schwieriger?

Ich glaube, Frauen interpretieren ihre Rolle in der Politik anders. Sie wollen alles und jeden verstehen und alles entschuldigen. Wie halt eine Mutter dies eben tut. Diese Mutterrolle würde ich nicht mehr übernehmen. Ein Mann setzt früher Grenzen und sagt einfach: Das geht mich nichts an. Basta!

Ist die Hemmschwelle für Anfeindungen gegenüber einer Frau tiefer?

Das glaube ich nicht. Ich vermute, unter Männern geht es noch heftiger zu und her. Wenn zwei Platzhirsche aufeinander treffen, fliegen die Fetzen. Dennoch wünschte ich mir, dass einige Herren eine strengere Mutter gehabt hätten. Mit den gut erzogenen war der Umgang immer einfacher.

Raten Sie Frauen, sich in der Politik zu engagieren?

Auf jeden Fall. Das Positive überwiegt. Politik bildet den Charakter. Man verändert sich auch selbst durch diese Tätigkeit. Ich habe gelernt, mich zurückzunehmen, die Sache der Gemeinde in den Vordergrund zu stellen, bin gelassener geworden.

Wie sehen Sie die Zukunft der Gemeinde Koblenz?

Man konnte ja lesen, dass sich zehn Gemeinden aus dem Rheintal-Studenland mit einer Fusion, dem Projekt Rheintal+, befassen. Ich glaube, Fusionen werden in Zukunft immer wichtiger. Das betrifft auch Koblenz. Alleine schon deshalb, um die Qualität der Behörden zu sichern. Im Glarnerland zum Beispiel gibt es noch drei Gemeinden.

Und wie sehen Sie die Zukunft des Zurzibiets. Es wird ja immer betont, man wolle nach aussen als Team, als Einheit auftreten.

Es sind erfreuliche Bewegungen in Gang. Den gemeinsamen Auftritt an der Badenfahrt 2017 finde ich super. Auch das erwähnte Projekt Rheintal+. Nur schon die Tatsache, dass zehn Gemeinden sich finden und die Fusion angehen wollen, ist bemerkenswert. Wenn es in diesem Stil weitergeht, hat das Zurzibiet gute Chancen, nach aussen als Einheit aufzutreten.

Bleiben Sie in der Region?

Ja, ich werde Koblenz treu bleiben. Im Sommer werde ich sicher mehr Zeit im Glarnerland verbringen. Wir haben für den Wohnwagen einen Standplatz am Walensee, natürlich auf der Glarner Seite.

Werden Sie sich politisch weiter engagieren?

Die eine oder andere Aufgabe in einer Kommission wäre denkbar. Darüber soll aber mein Nachfolger entscheiden. Was ich deutlich betonen will: Ich werde mich davor hüten, dem neuen Gemeindeammann Andreas Wanzenried dreinzureden.