Endingen

Hebamme: «Die Ruhe nach Stunden voller Schmerzen ist überwältigend»

Hebamme und Mutter Simone Riedener mit ihren beiden Söhnen Nanook (r.) und Matou.

Hebamme und Mutter Simone Riedener mit ihren beiden Söhnen Nanook (r.) und Matou.

Heute ist Weihnachten: Simone Riedener aus Endingen hat schon manches «Christkindli» auf die Welt geholt. Auch heute Nacht wird die Hebamme im Einsatz stehen.

Der bald 3-jährige Nanook ist auf Mamis Schoss eingeschlafen. Es war aber auch anstrengend: Der Mann mit dem grossen Fotoapparat, die fremde Frau mit ihren vielen Fragen, die drei Hunde von Oma und Opa, die zusammen mit Mamis Border Collie Uma herumtollen. Mittendrin strahlt Simone Riedener Ruhe und Gelassenheit aus. Als sich der tollpatschige Labrador-Mischling Lola auf den 15 Monate alten Matou legt, werden die Grübchen auf Riedeners Wangen etwas tiefer und als die Sprache aufs eigentliche Thema kommt, nämlich ihre Arbeit als Hebamme, strahlen ihre Augen hinter den Brillengläsern: «Ich habe einen wunderschönen Beruf.»

Simone Riedener wohnt mit ihrem Partner Michael Schifferli und den gemeinsamen Söhnen in Endingen, gleich neben der Kirche. Sie ist hier aufgewachsen. Heute leben hier drei Generationen unter einem Dach. Der Vater hat das Dachdeckergeschäft seinen beiden Söhnen übergeben. Das angrenzende Bauerngehöft der Grosseltern wurde umgebaut. Es hat viel Platz, eine alte Platane steht mittendrin und am Rande ein wunderbarer Schwimmteich, den Gartenbauer Schifferli als Diplomarbeit für seine Zweitausbildung geschaffen hat.

Buschi statt Pferde

Seit acht Jahren ist die 33-Jährige diplomierte Hebamme. Der Weg dorthin führte sie über Umwege. «Das zehnte Schuljahr habe ich in England gemacht. Nach einem Jahr auf einem Reitbetrieb in den Vogesen habe ich auf der Rossweid in Schneisingen eine Lehre als Bereiterin gemacht.» Noch immer ist sie begeisterte Reiterin. Dass ihre Zukunft nicht in der Arbeit mit Pferden lag, hatte sie aber noch während der Ausbildung realisiert.

Ob der Partnerlook an den Füssen Absicht ist? Hebamme und Mutter Simone Riedener mit ihren beiden Söhnen Nanook (r.) und Matou. Alex Spichale

Ob der Partnerlook an den Füssen Absicht ist? Hebamme und Mutter Simone Riedener mit ihren beiden Söhnen Nanook (r.) und Matou. Alex Spichale

Simone Riedener besann sich auf ihren Kindheitstraum, Hebamme zu werden. Nach einem dreimonatigen Praktikum im Gebärsaal des Kantonsspitals Baden absolvierte sie die Hebammen-Schule in St. Gallen. «Mein letztes Praktikum habe ich im Spital Leuggern gemacht und die haben mir danach die Stelle angeboten.» Das war vor acht Jahren und Leuggern ist für sie noch immer «als Arbeitsort mega lässig.» Das anfängliche 100-Prozent-Pensum hat sie im Verlaufe der Zeit reduziert. Als zweifache Mutter arbeitet sie gegenwärtig noch 30 Prozent als Angestellte und daneben freiberuflich als Wochenbett-Beraterin.

Egal, was für ein Tag

«Als ich noch keine Kinder hatte, habe ich regelmässig freiwillig an Weihnachten Dienst getan, am liebsten nachts, von 23 Uhr bis 7 Uhr morgens.» Auch gestern und heute Nacht ist Hebamme Riedener in Leuggern im Einsatz. «Das ist doch gut so, da kann ich vorher mit der Familie feiern, bis die Buben ins Bett müssen.»

Letzte Weihnachten war sie im Mutterschaftsurlaub gewesen. «Doch 2013 zum Beispiel habe ich drei ‹Christkindlein› auf die Welt geholfen.» War das für sie etwas Besonderes? «Die Stimmung ist an Weihnachten auch im Gebärsaal zwar irgendwie feierlicher als an einem anderen Tag, aber diese Urgewalt der Natur, wenn ein Lebewesen ans Licht drängt, ist bei jeder Geburt gleich überwältigend, egal, an welchem Tag es geschieht.»

Bei den allermeisten Geburten sei heute der Vater dabei. «Nur einmal ist einer neben dem Bett umgekippt, ist aber rasch wieder zu sich gekommen.» Die Grübchen in Riedeners Wangen werden tiefer, auch als sie erwähnt, dass manch eine Gebärende ihren Mann zwischen den Wehen fragt «gehts für dich?».

Auch Trauer gehört dazu

Rund 250 Buschi haben in den vergangenen acht Jahren mit Simone Riedeners Hilfe das Licht der Welt erblickt. Sie hat mit den Müttern geatmet, sie durch die Wehen geleitet, dafür gesorgt, dass das Köpfchen und die Schultern des Kindes möglichst sanft durch den engen Ausgang gleiten. «Es war und ist jedes Mal ein grosses Erlebnis. Nach Stunden voller Schmerzen, ist es plötzlich überwältigend ruhig, einfach nur schön und ich darf mit den Eltern Dankbarkeit und Freude empfinden.»

Manchmal, ja, manchmal da hat sie auch Traurigkeit erlebt. Etwa nachdem sie einem Buben mit einem missgebildeten Ärmchen auf die Welt geholfen hatte. «Es machte mich sehr betroffen, doch als der Kleine genauso strampelte, wie alle anderen Babys auch, wusste ich, dass auch er ein gutes Leben führen wird, weil auch er ein Recht darauf hat.»

Eine Hebamme braucht nicht nur grosses Einfühlungs- und Durchsetzungsvermögen – sie übernimmt auch bei jedem Einsatz grosse Verantwortung für die Gesundheit des ungeborenen Kindes und der Mutter. Simone Riedener tut dies mit Begeisterung, denn sie ist Hebamme mit Leib und Seele.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1