Bad Zurzach

«Habe alle Ersparnisse investiert» – Hausärztin eröffnet Praxis nach «Mein Arzt»-Debakel auf eigene Rechnung

Mirela Armean: «Wir haben alle Hände voll zu tun.»

Mirela Armean: «Wir haben alle Hände voll zu tun.»

Mirela Armean konnte die Praxis in Bad Zurzach wiedereröffnen – doch sie lebt mit Unsicherheiten. Trotz der unschönen Geschichte verliert sie kein Wort des Jammerns.

Ihre grösste Hoffnung nach dem Ende der «Mein Arzt»-Praxis hat sich für Mirela Armean, 58, erfüllt: Sie hat die Praxis an der Neubergstrasse in Bad Zurzach im Oktober als selbstständige Hausärztin wiedereröffnen können. Einen Monat zuvor stand das noch in den Sternen. Nach dem Kollaps der «Mein Arzt»-Kette waren in all deren 32 Schweizer Praxen die Lichter ausgegangen.

Den Praxen, die als eigene GmbHs geführt wurden, war das Geld ausgegangen. Die «Mein Arzt»-Zentrale, welche die Administration erledigte, bezahlte Rechnungen nicht. In Bad Zurzach wurden etwa das Ultraschallgerät oder das Geschäftsauto von Mirela Armean beschlagnahmt.

Der Inhaber der Praxiskette, der Österreicher Christian Neuschitzer, 46, verschwand Mitte August von der Bildfläche. Wenige Wochen später wurde er in Italien verhaftet. Später wurde er an die Schweiz ausgeliefert, er sitzt zurzeit wegen des Verdachts auf Vermögensdelikte in Untersuchungshaft, wie die Zürcher Staatsanwaltschaft der AZ bestätigt. Weitere Auskünfte macht diese wegen des laufenden Verfahrens nicht. Es gilt die Unschuldsvermutung.

Neustart mit zwei medizinischen Praxisassistentinnen

Ende August musste Mirela Armean die «Mein Arzt»-Praxis in Bad Zurzach schliessen, bei der sie erst Anfang 2020 angefangen hatte. Heute ist sie froh, dass im folgenden Monat nur wenige Patienten abgesprungen sind. Zwei volle Löhne vom Juli und August sowie 20 Prozent des Juni-Lohnes muss sie wohl abschreiben. «Ich habe im August noch voll gearbeitet. Wir hatten sehr viele Patienten. Finanziell hat mir das nichts gebracht, aber ich wollte die Leute nicht hängen lassen.»

Im Oktober kam es zum Neustart mit ihren zwei medizinischen Praxisassistentinnen. Die Praxisräumlichkeiten gehören ihrem Vorgänger, dem pensionierten Hausarzt Martin Dubler. Nun ist sie eine Selbstständige und nicht mehr eine Angestellte wie bei «Mein Arzt». «Ich musste viel Papierkram erledigen. Das war zeitraubend und nicht einfach», sagt die Rumänin, die aus Siebenbürgen stammt und sehr gut Deutsch spricht. Sie unterschrieb einen Mietvertrag mit Dubler oder Leasingverträge für Laborgeräte. «Die Arbeit mit den Geräten war zu aufwendig und hat mich zu viel Zeit gekostet.»

«Ich liebe meine Patienten»

Trotz der unschönen Geschichte verliert Mirela Armean kein Wort des Jammerns. Stattdessen erzählt sie: «Was mir am meisten Freude macht, sind die Patienten. Es vergeht nicht ein Tag, an dem mir nicht jemand sagt: Schön, dass Sie da sind.» Für sie sei das ein Grund, um am nächsten Tag wieder fröhlich zur Arbeit zu kommen. «Ich liebe meine Patienten. Ich bin ihnen dankbar.» Diese geben sich zurzeit buchstäblich die Klinke in die Hand. «Wir haben alle Hände voll zu tun», sagt die Allgemeinmedizinerin.

Der Eingang zur Liegenschaft an der Neubergstrasse 20 mit der Hausarztpraxis von Mirela Armean.

Der Eingang zur Liegenschaft an der Neubergstrasse 20 mit der Hausarztpraxis von Mirela Armean.

Armean ist froh, dass sie die Praxisräumlichkeiten übernehmen konnte. «Ein kompletter Neuanfang wäre für mich eine Katastrophe gewesen. Da wäre ich wahrscheinlich nach Rumänien zurückgekehrt», sagt sie. Doch nach wie vor bestehen grosse Unsicherheiten für Armean.

Die Zurzacher Mein Arzt GmbH hatte Patientendaten und Infrastruktur von Dubler gekauft, aber nur einen geringen Vorschuss gezahlt. Die GmbH wird aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Monaten Konkurs gehen. Was wird das Konkursamt dann in Sachen Patientendaten, Mobiliar oder Röntgengerät unternehmen – das alles ist juristisch gesehen noch im Eigentum der Praxiskette. Armean bereitet diese Frage Kopfzerbrechen.

Dazu kommt: Ende Februar läuft ihr Zugang zum digitalen Programm mit dem elektronischen Patientendossier der «Mein Arzt»-Praxis aus. Deshalb muss sie alle Patientenakten ins neue Programm importieren, was mit erheblichem Aufwand verbunden ist, und die Patienten sollten mit ihrer Unterschrift bezeugen, dass sie mit ihrem Dossier von «Mein Arzt» zur neuen Praxis von Mirela Armean wechseln möchten.

Die Hausärztin sagt, sie könne es sich nicht leisten, die Patientendaten zu kaufen. «Ich habe jetzt schon alle meine Ersparnisse investiert. Es wäre schade, wenn alles flöten ginge wegen der Bürokratie.»

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