Blick ins Zurzibiet

Grenzüberschreitungen in der Greater Zurzibiet Area

Bad Zurzach im Sommer.

Bad Zurzach im Sommer.

Mit dem Bike unterwegs ist mein erklärtes Ziel, mir unser Zusammenleben mal aus einem ganz anderen Blickwinkel anzusehen. Dass die Lage des Hochrheingebietes ausserordentlich ist, wussten schon die Römer – ihr Gebiet dehnte sich über die heutige Grenze bis in den Schwarzwald aus. Auf den Spuren der Vorahnen sozusagen begebe ich mich also von Lengnau aus auf den Weg, um diese Grenzgegend einmal etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

Getreu dem römischen Motto führen gleich mehrere Wege zum historisch bedeutsamen Ort Zurzach, dem einst wichtigsten Messeplatz mit internationaler Strahlkraft. Die «Grande Route de Berne à Zurzach» klingt zwar sehr verheissungsvoll in meinen Ohren,
doch wähle ich den «alten Weg» oder auch «Chilstig» genannt, den die Surbtaler einst über Tegerfelden zum Messeplatz benutzten. Das passt, los gehts.

Die Entwicklung zum Marktflecken ist übrigens einer Frau, der heiligen Verena, zu verdanken. Jeweils am 1. September strömten die Pilger von weit her und so wurde aus der Wallfahrt bald ein betriebsamer Handelsplatz. Der Legende nach stammte Verena aus Theben in Ägypten und war dunkelhäutig.

Offensichtlich war damals ihr karitatives Wirken wichtiger als Herkunft, Hautfarbe oder Gender. Heute läuft die Debatte um die aus dem Kulturraum stammenden Menschen ganz anders rum. Den Flecken im Rückspiegel lenke ich mein Rad zum Schicksalstrom Rhein, der noch immer eher trennend als verbindend wahrgenommen wird. Zeitzeugen erinnern dumpf an die folgenschwere Ausgrenzung der Vergangenheit.

Als Grenzfluss trennten schon die Franzosen vor 200 Jahren den einst prosperierenden Wirtschaftsraum Hochrhein. Vielleicht hiessen wir heute gar «Greater Zurzibiet Area» und würden auf Augenhöhe mit Zürich wetteifern – wäre uns da nicht Napoleon in die Quere gekommen!

Vor genau 160 Jahren, der letzten Messe, setzt dann aber der wirtschaftliche Niedergang ein. Zwar kann eingewiefter Fabrikant die ehemaligen Handelshäuser noch umnutzen, woraus Triumph International entsteht. Eine Unternehmung mit ebenso glückverheissendem Namen, die ganz auf Tuchfühlung steht und uns täglich butterweiche Verführungen verspricht. Hoppla, wenn da mal nicht gleich der zweihörnige Rhenus aus den Fluten emporsteigt!

Der bärtige Rhenus mit dem wallendem Haar gilt als Nährgott und Sinnbild des Rheins. Sein gemächlich dahin fliessendes Wasser vereint bis zur Mündung neun Länder. Die Sicht aus der Distanz über den mächtigen Strom auf «unsere» Seite ist geradezu friedlich. Unterdessen befluten uns die Medien mit tragischen News im Sekundentakt: Asylsuchende auf dem Weg, Grenzen zu überwinden, um eine Bleibe zu finden.

Auf erfrischenden Gegenstrom setzt dabei Kaiserstuhl: Anstelle zu Mietboykott auf Vorrat aufzurufen, öffnen sie aus der Not tugendhaft ihre Tore. Hand aufs Herz, es gibt derzeit wohl kaum einen Gemeinderat, der sich nicht um steigende Ausgaben und das soziale Miteinander sorgt. Bei alldem ist es unsere Pflicht, die Menschenwürde zu wahren und unser Zusammenleben verantwortungsvoll und solidarisch miteinander auszuhandeln. Die Menschenwürde ist in der Verfassung verankert und nicht verhandelbar!

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