Familiendrama

Gerichtspsychiater: «Man sollte nicht sofort nach einem Schuldigen suchen»

TalkTäglich mit Gerichtspsychiater Josef Sachs und Seelsorger Guido Ducret: «Man sollte nicht sofort nach einem Schuldigen suchen»

TalkTäglich mit Gerichtspsychiater Josef Sachs und Seelsorger Guido Ducret: «Man sollte nicht sofort nach einem Schuldigen suchen»

Wie konnte es zum Drama von Würenlingen kommen? Guido Ducret, katholischer Seelsorger in Würenlingen, und Gerichtspsychiater Josef Sachs diese Frage in der Sendung Talk Täglich von Tele M1. Sie warnten davor, voreilig nach Schuldigen zu suchen.

Warum hat Semun A. in Würenlingen vier Menschen getötet und danach sich selbst gerichtet? Wie konnte es zu dieser schrecklichen Tat kommen? Diese Frage beschäftigte auch in der Sendung «TalkTäglich» auf Tele M1, mit Gerichtspsychiater Josef Sachs und dem katholischen Würenlinger Seelsorger Guido Ducret. Beide warnten davor, voreilig nach Schuldigen zu suchen.

«Er hatte sich im Griff»

Der 36-jährige Täter befand sich seit dem 24. März auf ärztliche Anordnung in einer psychiatrischen Klink. Am 30. April wurde er aus der Clienia Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Littenheid TG entlassen. Die Direktorin Silke Bachmann erklärte: «Semun A. hat durchgehend sehr freundlich und ruhig gewirkt.» Er sei kooperativ gewesen in den Behandlungen. So habe man aus Sicht der Klinik nach fünfeinhalb Wochen die fürsorgerische Unterbringung aufheben können.

Hat Semun A. die psychiatrischen Betreuer an der Nase herumgeführt? Gerichtspsychiater Josef Sachs in der Sendung TalkTäglich.

Hat Semun A. die psychiatrischen Betreuer an der Nase herumgeführt? Gerichtspsychiater Josef Sachs in der Sendung TalkTäglich.

Wie ist es möglich, dass jemand, der zuvor so auffällig war, sofort wieder auf freien Fuss kommt, wollte der Moderator von Josef Sachs wissen. «Offensichtlich war der Mann gegen aussen nicht mehr auffällig», sagte der Leitende Arzt für Forensische Psychiatrie der Klinik Königsfelden. «Es besteht die Möglichkeit, dass er in der Lage war, ein Zustandsbild zu zeigen, dass nicht seiner tatsächlichen Verfassungen entsprach.»

Sein Zustandsbild könnte sich aber auch innert weniger Tage nach der Entlassung tatsächlich massiv verschlechtert haben. «Möglicherweise daher, dass er wieder mehr mit seiner persönlichen Situation konfrontiert wurde», so Sachs. Als Semun A. aus der Klinik entlassen wurde, fand er eine menschenleere Wohnung vor. Seine Frau sowie die zwei Kinder waren zwischenzeitlich fürsorgerisch untergebracht.

Heile Welt vorgespielt?

Spielte Semun A. den Behörden und den psychiatrischen Betreuern also eine heile Welt vor? Josef Sachs ist skeptisch: «Das braucht eine gewisse innere Stärke, um das zu können. Sehr viele Patienten präsentieren sich viel besser als sie tatsächlich sind.» Vor allem wenn der Heilungsprozess fortgeschritten ist, sei es schwierig zu sagen, inwieweit das Präsentierte der inneren Verfassung entspreche.

Wahnidee lässt sich gut verstecken

Wusste Semun A. genau, dass er nur durch kooperatives und anständiges Verhalten wieder auf freien Fuss kommt und verhielt sich daher entsprechend? Josef Sachs schliesst das nicht aus. «Das zeigt aber auch, dass er sich in einem gewissen Sinn im Griff hatte, das kann nicht jeder.»

Es hänge von der Ursache seiner psychischen Krise ab. Jemand der seine Emotionen nicht im Griff habe, könne keine heile Welt vorspielen. Es könne aber auch ein länger gehegter Plan oder eine Fantasie dahinter stecken. Oder eine Wahnidee, die gegen aussen oft relativ gut versteckbar sei.

«Für mich stellt sich die Frage:  Ist es eine Tat, die sich nur aus der psychischen Störung erklären lässt, also als Ausbruch der Krankheit. Oder sind Rache, Enttäuschung und Ausweglosigkeit der Auslöser für die Tat?» Josef Sachs vermutet hinter der Tat von Semun A. viele Emotionen und eine massive Kränkung, die dieser erlebt habe – und eine Ausweglosigkeit und eine Unfähigkeit, mit unangenehmen Realitäten umzugehen. «Ich denke das Problem ist, dass er sich nur als Opfer und nicht als Täter gesehen hat.» Deswegen sei er auch nicht fähig gewesen sein, einen Teil zur Lösung des Problems beizutragen.

Längere Einweisung wäre möglich gewesen

Dennoch wurde Semun A. nach fünfeinhalb Wochen aus der Klinik entlassen, die Frist für eine ärztlich angeordnete Einweisung läuft nach sechs Wochen ab. Ist diese zu kurz, wollte der Moderator von Psychiater Sachs wissen. 

Zwar sei die ärztliche Einweisung in der Regel, je nach Kanton, nur sechs Wochen gültig. Aber: «Theoretisch besteht die Möglichkeit, die ärztliche in eine behördliche Einweisung zu überführen. So hätte er auch länger bleiben können.»

Grundsätzlich gäbe es zwei Wege, den medizinischen und den strafrechtlichen. Diese seien abhängig von der Ursache. Komme häusliche Gewalt aus einer psychischen Krankheit heraus, brauche es eine psychische Behandlung, die wenn nicht freiwillig über eine fürsorgerische Unterbringung durchgesetzt werde. Wenn es aber eine kriminelle Art hat, dann komme der Täter ins Gefängnis.

Dies sei aber nicht strenger, sondern einfach ein anderer Weg, betonte Josef Sachs. Auch hier gebe es Bestimmungen für die Inhaftierung. «Selbst wenn er ins Gefängnis gekommen wäre, ist nicht sicher, dass er länger in Haft geblieben wäre.»

Nicht nach Schuldigen suchen

Die Frage nach dem Warum beschäftigt auch den katholischen Seelsorger von Würenlingen Guido Ducret. «Auf diese wird es nie eine befriedigende Antwort geben.» Hier versuche er trotz allem mit einem positiven Ansatz: «Was machen wir damit und wohin können wir gemeinsam gehen.» 

TalkTäglich zum Familiendrama in Würenlingen mit dem katholischen Seelsorger Guido Ducret. Wie findet man zurück zur Normalität?

Wie findet man zurück zur Normalität? TalkTäglich zum Familiendrama in Würenlingen mit dem katholischen Seelsorger Guido Ducret.

Kann man zur Normalität zurückkehren und wie? «Was heisst Normalität?", erwiderte der Seelsorger. «Das Geschehene ist nun ein Teil der Geschichte der Menschen dort, den sie mitnehmen. Es wird sich zeigen, wie gut sie mit dieser Hypothek ihren Alltag weiter gestalten können.» Die Seelsorger könne hier sicherlich einen guten Dienst leisten.

Guido Ducret pflichtete letztlich Gerichtspsychiater Josef Sachs bei, der auf die Frage, wie er als Mensch mit dem Drama umgehe, sagte: Er tue etwas, das jeder Mensch in dieser Situation tue, ohne dass er es wolle. «Man sucht einen Schuldigen. Ich glaube aber, das Bedürfnis, sofort Schuldige zu suchen, sollte man zurückstecken.» (edi)

Die vollständige Sendung sehen Sie hier: 

Wie geht man in der Gemeinde mit dieser Tragödie um? Warum erschiesst ein Täter dabei auch eine unbeteiligte Person? Und warum läuft ein Mann frei herum, nachdem er von den Behörden anscheinend als gefährlich eingestuft wurde? Josef Sachs, Gerichtspsychiater, und Guido Ducret, Seelsorger in Würenlingen, diskuteren in den Sendung TalkTäglich von Tele M1.t

TalkTäglich von Tele M1: Die komplette Sendung mit Josef Sachs, Gerichtspsychiater, und Guido Ducret, Seelsorger in Würenlingen.

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