Bluttat Würenlingen

Gerichtspsychiater: «Hinter der Gewalt steckt vermutlich eine Krankheit»

Der Täter von Würenlingen war fürsorglich untergebracht. Das deute auf eine psychische Erkrankung hin, sagt Psychiater Josef Sachs.

War der mutmassliche Täter von Würenlingen psychisch krank und deshalb fürsorgerisch untergebracht? Und wenn ja, wieso wurde er nicht besser überwacht? Während die erste Frage nach seiner gesundheitlichen Verfassung bisher noch unbeantwortet blieb, kann Josef Sachs, Chefarzt der Forensik der Psychiatrischen Dienste Aargau, die zweite Frage grundsätzlich beantworten: «Zunächst heisst eine fürsorgerische Unterbringung nicht zwingend, dass die betroffene Person auf einer geschlossenen Abteilung untergebracht wird.» Je nach Zustand kann die Person auch in ein Heim oder eine Suchtklinik eingewiesen werden. Auch seien die Abteilungen nicht hermetisch abgeriegelt. «Eine Klinik ist kein Gefängnis.» Ein Teil der Stationen sei zwar geschlossen, aber nicht ausbruchsicher. «Da kann man nicht mit letzter Sicherheit ausschliessen, dass jemand herausschleicht.»

Und schliesslich wird bei jeder Einweisung individuell festgelegt, wie schwer die Krankheit ist, ob die Person suizidal ist. Dann wird entschieden und täglich neu geprüft, wie engmaschig der Betreuungsrahmen sein soll und ob die Person ihr Zimmer und die Station alleine verlassen kann.

Der Mörder von Würenlingen

Der Mörder von Würenlingen

Dement und psychisch krank

Wie viele Personen pro Jahr fürsorgerisch untergebracht werden, ist nur schwer zu berechnen. In jedem Kanton funktioniert das System etwas anders. Laut Sachs wurden im Aargau 2013 etwa 1200 Personen fürsorgerisch untergebracht, ein grosser Teil wegen Altersdemenz. Der Kanton Zürich weist vergleichbare Zahlen aus: Von rund 500 Personen wird eine eingewiesen. In Zürich waren es 2013 gut 3400 Fälle.

Der Föderalismus führt dazu, dass jeder Kanton etwas anders funktioniert. Während früher Gemeinderäte in ihrer Funktion als Vormundschaftsbehörde über gewisse Einweisungen entschieden, wurden die Entscheidungsgremien professionalisiert. Zudem gibt das Gesetz den Grundsatz vor: Wer fürsorgerisch untergebracht wird, ist entweder psychisch krank, geistig behindert oder schwer verwahrlost. Die meisten Einweisungen erfolgen nicht durch ein Gericht, sondern auf einen ärztlichen Entscheid, wie Sachs sagt. Neben Demenzkranken sind vor allem jüngere Personen betroffen, die an einer schweren psychischen Krankheit leiden.

Ratten und stinkende Wohnung

Doch was ist bei einer psychischen Krankheit ausschlaggebend, dass es zu einer Einweisung in ein Heim oder in eine Klinik kommt? Als Beispiel nennt Sachs eine Wohnung in völlig verwahrlostem Zustand, wo es stinkt und wo Ratten wohnen. Oder wenn eine Person einfach nichts mehr isst oder in ihrer Verwirrung im Bett Zigaretten raucht. «Es geht um Menschen, die aus krankhaften Gründen ihre Angelegenheiten nicht selber besorgen können.» Fürsorgerische Unterbringungen können allerdings auch angeordnet werden, wenn eine Person andere gefährdet, wenn sie ihrem Umfeld droht oder es massiv belästigt. In solchen Fällen entscheiden Amtsärzte – im Notfall auch ein anderer Arzt –, ob es notwendig ist, den Betroffenen einzuweisen.

Nur kurz in Therapie

Weil die Eingewiesenen ihrer Freiheit beraubt werden, ist die fürsorgerische Unterbringung umstritten. Jeder, der gegen seinen Willen eingewiesen wird, kann Rekurs einlegen. Entscheidet ein Gericht über die Einweisung, wird das Urteil nach sechs Monaten überprüft. Entscheidet ein Arzt, dauert die Unterbringung maximal sechs Wochen.

Die kurze Frist ist der Hoffnung geschuldet, dass innerhalb dieser Zeit die meisten akuten Störungen behandelt werden können. «Das heisst nicht, dass die Krankheit dadurch geheilt ist. Es heisst, dass sie nicht mehr akut behandelt werden muss, sondern dass auch eine ambulante Therapie genügt», sagt Sachs. Mit Blick auf den Fall geht er von einer psychischen Störung des Täters aus. «Gewalt in der Familie ist kein Grund für eine fürsorgerische Unterbringung. Gewalt wäre ein Grund, den Mann ins Gefängnis zu schicken. Deshalb vermute ich, dass eine Krankheit hinter der Gewalt steckt.» Und erst wenn man wisse, um welche Krankheit es sich handle, könne man beurteilen, ob der Mann besser hätte überwacht werden müssen.

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