«Ein Drittel des Weges ist zurück- gelegt, zwei Drittel liegen noch vor uns», sagte Dunja Binggeli, die die Interviews zusammen mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern vom Planungsbüro sapartners in Zürich durchgeführt hat. Das Projekt «Vision Zurzibiet» ist ein Modellvorhaben des Bundes und wird vom Bund mit 100 000 Franken mitfinanziert. 200 000 Franken werden vom Planungsverband Zurzibiet, vom Wirtschaftsforum Zurzibiet sowie von den Gemeinden Bad Zurzach, Böttstein, Döttingen und Klingnau aufgebracht. Der Kanton Aargau steuert 60 000 Franken bei.

Die Strukturanalyse soll zutage fördern, wo die Region zurzeit steht, wo ihre Stärken und Schwächen liegen.

Bevölkerung stagniert

Die Vertreter der Zurzibieter Gemeinden und Institutionen mussten anlässlich der Informationsveranstaltung im Auditorium des Kernkraftwerks Leibstadt nicht zum ersten Mal zur Kenntnis nehmen, dass die Bevölkerung im Bezirk seit 1985 stagniert, während andere Regionen im Kanton wachsen. Rätsel gibt die Erkenntis auf, dass viele Zürcher Unterländer Gemeinden kontinuierlich wachsen, dieser Prozess aber an der Kantonsgrenze abrupt aufhört. Planerin Dunja Binngeli wagte die Prognose, dass der Bezirk Zurzach bis 2030 ein jährliches Bevölkerungswachstum von lediglich 0,2 Prozent aufweisen wird. Die Reginon Fricktal und Baden hingegen könnten mit einem jährlichen Wachstum von je 0,8 Prozent rechnen.

Wie Junge in den Bezirk holen?

Beunruhigen muss aber auch die Entwicklung der Bevölkerungsstruktur im Zurzibiet: Zu erwarten ist ein markanter Rückgang der Kinder und Jugendlichen bei gleichzeitig starker Zunahme des Anteils an älteren Menschen. Eine Frage, die alle am Projekt «Vision Zurzibiet» involvierten Personen beschäftigt, ist: «Wie schaffen wir es, junge Menschen in unseren Bezirk zu holen?»

Als weiterer Schwachpunkt der Region hat sich herausgestellt, dass das Zurzibiet wohl eine attraktive Wohnregion ist, für die Bevölkerung aber zu wenig Arbeitsplätze angeboten werden. Dies führt zu Pendlerströmen mit eindrücklichen Zahlen: Gezählt wurden insgesamt 8087 Personen, die ausserhalb des Bezirks arbeiten. Dem gegenüber stehen 4199 Personen, die in den Bezirk hinein arbeiten kommen. 1307 Personen pendeln nach Zürich, 1334 Personen arbeiten in Baden, 510 in Würenlingen, 422 in Wettingen, 354 in Brugg sowie 164 in Aarau.

Bezogen auf die Versorgung und Zentralität hat die Strukturanalyse ergeben, dass sich die Regionen Bad Zurzach sowie Döttingen-Klingnau-Böttstein zu eigentlichen Zentren mausern.

Ausstrahlungskraft und Bedeutung wird dem Zurzibiet in der Sparte «Freizeit und Erholung» attestiert, wobei Planerin Dunja Binggeli auffällt, dass eine polyvalente Sportanlage fehlt. Wünschenwert sei auch, so Binggeli, dass das Zurzibiet sein Naherholungsgebiet mit mehr Infrastruktur ausstatte.

Bei der Frage der Siedlungsentwicklung hat die Analyse ergeben, dass zwar genügend Reserven an Wohn- und Mischbauzonen vorhanden sind, die Bautätigkeit aber trotzdem zu wünschen übrig lässt. Bei den Eigentumswohnungen verfügt das Zurzibiet über ein attraktives und wettbewerbsfähiges Angebot, während dies laut Umfrage bei den Mehrfamilienhäusern weniger zutrifft.

Geld ist nicht das Wichtigste

Bei der Analyse der Umfrage wurde auch die Erkenntnis gewonnen, dass die Höhe der Steuerfüsse kein Grund dafür ist, dass es im Zurzibiet klemmt. Wichtiger als das Geld seien bei der Wohnort-Entscheidung die Faktoren Bildung, Wohnangebot sowie die Angebote für Freizeit und Erholung. Als weiteren wichtigen Faktor stufte Binggeli die Gestaltung der Ortseingänge sowie die Auftritte der Gemeinden im Internet ein. Beispiele machten klar, dass da noch eines aufzuarbeiten sei. Bei der Analyse der Netzwerke stellte sich heraus, dass im Zurzibiet politisch auf starke Gemeindegrenzen gesetzt wird und dass viele so genannte «Leuchttürme» wie der Kur- und Badeort Bad Zurzach, die Propstei Wislikofen, die Synagogen in Lengnau und Endingen, aber auch Grossveranstaltungen wie die Radsporttage Gippingen oder das Winzerfest Döttingen bei der Vermarktung nicht mit dem Zurzibiet in Verbindung gebracht werden.

Die mit der Ausarbeitung der «Vision Zurzibiet» beauftragten Planer kamen zum Schluss, dass die Region durchaus über Potenzial verfügt, dieses aber ungenügend einsetzt. Mit dem Wirtschaftsforum und dem Planungsverband verfüge der Bezirk zwar über zwei Akteure mit grosser wirtschaftlicher Akzeptanz, doch bestimmten kleinräumige Grenzen und Talschaften das Denken und Handeln. Die Gebietsreform werde sehr emotional geführt, ziele aber teilweise an den Bedürfnissen der Bevölkerung und der Wirtschaft vorbei.

Als weitere Schwächen des Zurzibiets haben sich herausgestellt: defensives statt strategisches Handeln, die Mentalitätsbarriere nach Zürich und Deutschland sowie das Fehlen gemeinsamer Visionen.

Das Projekt «Vision Zurzibeit» geht nun in die Umsetzungsphase und soll bis Ende 2011 abgeschlossen sein.