Der Gong zur letzten Runde erklingt: An der Sommergmeind in Full-Reuenthal wird das Traktandum «Verschiedenes» eingeläutet. Ammann Marcel Werder holt zum finalen Schlag aus: Er kündigt seinen Rücktritt per Ende Jahr an. Die Überraschung in der Stimmbevölkerung ist gross. Es ist noch kein Jahr her, da hatten die Full-Reuenthaler ihren Ammann mit einem Glanzresultat im Amt bestätigt.

Werders Leidenschaft ist der Boxsport. Und diese Leidenschaft spielte bei seinem Entschluss eine wichtige Rolle. Neun Jahre lang hat der heute 43-Jährige selber geboxt, seit 14 Jahren sitzt er im Verbands-Rat von Swiss Boxing. Als Ring- und Punktrichter hat er gegen 1000 Kämpfe geleitet und mitentschieden.

Einstieg bei den Profis

«Ich will mich vermehrt meiner Passion als Ringrichter beim Boxsport widmen», sagt Werder. «Das wird auch Weiterbildungen und Auslandsaufenthalte nach sich ziehen.» Nebst Amateurkämpfen leitet Werder seit eineinhalb Jahren auch Profikämpfe. In der Schweiz gibt es in diesem Metier nebst Werder nur sechs weitere Personen. Das Ziel des Zurzibieters: Er will bei internationalen Kämpfen als Ringrichter amten, vielleicht sogar mal einen Titelkampf leiten.

«Vor der Gesamterneuerungswahl im Herbst 2017 war diese Entwicklung nicht absehbar», sagt Werder, «sonst wäre ich wohl nicht wieder angetreten.» Einerseits schreitet seine Karriere als Ringrichter schneller voran als gedacht. Andererseits will der Vater einer 8-jährigen Tochter aber auch mehr Zeit für die Familie aufbringen, nachdem seine Frau nach einer zehnmonatigen Auszeit wieder ins Berufsleben zurückgekehrt ist.

«Es wurde zunehmend schwierig, alles unter einen Hut zu bringen», sagt Werder. «Ich will nicht in einem Burnout enden, ich will meine Belastung unter Kontrolle halten.» Als Mechaniker arbeitet er 100 Prozent im Kernkraftwerk Beznau, das Ammann-Amt beziffert er mit 25 bis 30 Prozent. «Die Einsätze für die Gemeinde sind häufig nicht planbar. Im Boxen geht das einfacher.» Bei rund 25 Events steht er pro Jahr im Ring.

Einen rüderen Ton gewohnt

Der Entscheid, nach fünf Jahren das Ammann-Amt niederzulegen, sei ihm nicht leicht gefallen. «Vor allem, weil der aktuelle Gemeinderat mit drei neuen Mitgliedern sehr gut funktioniert.» Politischer Gegenwind oder der Umgang mit Wutbürgern hätten nichts mit seinem Rücktritt zu tun. Im letzten Sommer hatte der Entscheid des Gemeinderats, die Badi-Öffnungszeiten zu kürzen, für rote Köpfe gesorgt. Nach heftiger Gegenwehr aus der Bevölkerung musste der Gemeinderat die Massnahme, mit der er das Betriebsdefizit der Anlage senken wollte, zurückziehen. «Es ist doch schön, zu sehen, dass sich die Leute engagieren», sagt Werder heute.

Vom Boxen her sei er sich ohnehin einen etwas rüderen Ton gewohnt. «Allerdings geht es im Boxen immer fair zu und her. In der Politik sind nicht alle Entscheide fair oder nachvollziehbar.» Als Gemeinderat hätten sie nach aussen immer eine geschlossene Meinung vertreten. Die regionale Zusammenarbeit sei allerdings nicht immer einfach gewesen. Werder nennt als Beispiel die gescheiterte Neugestaltung der Oberstufen-Schullandschaft im Aaretal.

Boxen und Politik: Die Parallelen

«In der Politik verläuft vieles im Sand», sagt Werder, «im Boxen erlebe ich mehr Fortschritte, sehe ich eine Perspektive.» Doch er habe auch viele Parallelen feststellen können. «Sowohl beim Boxen wie auch in der Politik gilt es, in stürmischen Zeiten Ruhe zu bewahren und Kritik nicht persönlich zu nehmen.»

Ein schlechtes Gewissen, weil er in der laufenden Amtszeit den Rücktritt angekündigt hat, plagt Werder nicht. Er habe vor viereinhalb Jahren das Amt ja auch nicht gesucht. Er habe sich, obwohl er erst ein Jahr in der Gemeinde wohnte, zur Verfügung gestellt, weil dringend ein Ammann benötigt wurde.

Werder ist optimistisch, dass ein Nachfolger gefunden wird. Die Anmeldefrist läuft bis zum 12. Oktober. Die Wahlen finden am 25. November statt. «Es wäre schön, wenn einer der Bisherigen als Ammann kandidieren und sich ein Kandidat für den Gemeinderat finden würde», sagt Werder. Ring frei für den nächsten Wahlgang.