Frau Wanner, gibt es noch verwunderte Reaktionen, wenn Sie sich als Gemeindeammann vorstellen?

Heidi Wanner: Ich mag das Wort sowieso nicht. Es erinnert mich an Hebammen, in Zürich nennt man den Betreibungsbeamten Gemeindeammann. Ich nenne mich Gemeindepräsidentin, so steht es auch auf meiner Visitenkarte. Aber eigentlich gibt es wenig Reaktionen.

Was war Ihre Motivation, in die Politik einzusteigen?

Bei uns wurde schon im Elternhaus eifrig politisiert. Ich habe mir gedacht, auf der Gemeindeebene kann ich etwas bewirken. Ich komme in Kontakt mit den Leuten, werde mit ihren Anforderungen konfrontiert und muss mich ihnen stellen. Es ist eine bodenständige Arbeit.

Welche Erfahrungen haben Sie als Gemeindepräsidentin gemacht?

Als ich 2002 ins Ammann-Amt gewählt wurde, kam eine alte Frau zu mir und gratulierte. Aber im selben Atemzug stellte sie mir die Frage, ob das nicht auch ein Mann machen könnte? Da musste ich lachen. Grundsätzlich ist es eine Aufgabe, die man meistern muss, egal, ob man nun ein Mann oder eine Frau ist. Ich hatte nie das Gefühl, als Frau einen Nachteil zu haben, denke aber, dass Männer besser vernetzt sind, weil sie sich mehr in Klubs oder Vereinen bewegen.

Was hält Frauen davon ab, in die Politik einzusteigen?

Ich höre von Frauen oft, dass sie sich die Aufgabe nicht zutrauen. Ich finde diese Einstellung ganz falsch. Die Anforderungen in der Politik sind vom Geschlecht unabhängig. Man muss bereit sein, zu kämpfen, man muss bereit sein, zurückzustecken und man muss bereit sein, ehrenamtlich mitzuhelfen. Frauen hinterfragen sich aber eher als Männer. Ich glaube, dieses Hinterfragen und Zweifeln ist der entscheidende Faktor, der ihr Engagement für die Politik bremst oder gar verhindert.

Welchen Rat geben Sie einer Frau mit auf den Weg, die sich für ein politisches Amt bewerben will?

Informieren Sie sich über das Amt, bilden Sie sich vorher eine Meinung darüber und stellen Sie sich die Frage: Wie viel bin ich bereit, zu geben? Man sollte einen gesunden Respekt mitbringen, aber auf keinen Fall Angst. Ich hatte nie das Gefühl, dass ich in meinem Amt die Ellbogen ausfahren müsste. Unter Männern ist das Platzhirschen-Gehabe eher ein Thema. Aber nüchtern betrachtet geht es darum, sich für etwas einzusetzen und Argumente zu finden, die überzeugen. Damit dient man der Sache am meisten.

Was können Frauen in der Politik besser als Männer?

Weil sie öfter sich selbst hinterfragen, hinterfragen sie auch die Arbeit des Gremiums intensiver. Meine Erfahrung zeigt: Frauen machen mehr Sachpolitik, dringen tiefer in die Materie ein und setzen sich ausführlicher mit einem Thema auseinander. Manchmal haben wir den Vorteil, dass wir auch unseren Charme einsetzen können. Zudem glaube ich, dass viele Menschen einer Frau gegenüber anders auftreten.

Und worin sind die Frauen schlechter als die Männer?

Die Männer bringen bestimmt mehr Talent für die technischen Ressorts mit. Das sieht man auch an der Ämterverteilung innerhalb der Gemeinderäte.