Rümikon

Geld allein macht nicht glücklich - auch in diesem Dorf am Rhein

Im Dorfkern mit den alten Liegenschaften links und rechts der Dorfstrasse scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

Im Dorfkern mit den alten Liegenschaften links und rechts der Dorfstrasse scheint die Zeit stehen geblieben zu sein.

In Rümikon sprudeln die Steuern nicht. Dafür prägen altehrwürdige Liegenschaften das Bild des Zurzibieter 250-Seelen-Dorfes. Die Einwohner schätzen die Ruhe und die Lage im Grünen. Und ihr Dorf verfügt über ein seltenes Fischereirecht.

Bei der Steuerkraft pro Einwohner belegt Rümikon bei den Aargauer Gemeinden den Schlussrang. Doch dass Geld allein nicht glücklich macht, bestätigt sich bei einem Besuch im Zurzibiet. Zugegeben: Verschlafen wirkt das Dorf mit seinem Steuerfuss von 115 Prozent sowie seinen etwas mehr als 250 Einwohnern im ersten Moment schon. Am Rheinufer wiegt sich das Schilf im Wind, der Bootssteg liegt verlassen da. Keine Menschenseele ist auszumachen rund um das ehemalige Schulhaus, in dem früher auch die Gemeindeverwaltung untergebracht war. Aktuell hat in der stattlichen Liegenschaft, darauf lässt der Schriftzug auf der Fensterscheibe schliessen, eine Spielgruppe ihr Domizil.

Plötzlich öffnet sich die Tür der Kapelle, vier ältere Frauen treten ins Freie, verabschieden sich voneinander und gehen ihres Weges. Auf der Dorfstrasse kommt das Postauto angebraust – und ist ein paar Sekunden schon wieder verschwunden. Niemand steigt ein oder aus. Genau wie beim Zug, der kurz nach 10.30 Uhr hält.

Für Hunde- und Garten- ...

Die Vögel zwitschern fröhlich, die Grillen zirpen, und ab und zu bellt ein Hund. Sandra Heuft Schäfer ist auf dem Spaziergang mit ihrem Vierbeiner. Nach den Vorzügen der Gemeinde befragt, muss sie nicht lange überlegen: «Rümikon ist ländlich gelegen. Wir sind im Grünen und haben den Rhein vor der Haustür», sagt sie. Etwas Negatives könne sie aber ebenfalls nennen, fährt sie fort: der Verkehrslärm auf der Rheintalstrasse. Nach ihrem Dafürhalten müsste auf diesem Abschnitt Tempo 50 eingeführt werden – auch aus Sicherheitsgründen für die Familien mit Kindern.

Die Rümiker, diese Vermutung kommt bei einem Rundgang auf, müssen nicht nur Hunde-, sondern auch Gartenliebhaber sein. Bei den altehrwürdigen Bauernhäusern im Dorfkern leuchten die Fuchsien in kräftigem Rot, hüben und drüben sind gepflegte Gemüsebeete auszumachen.

«Wir sind ein friedliches Dorf», sagt Margrit Rohner, die gerade die Fussmatte vor ihrem Haus reinigt. Rümikon sei eine typische Wohngemeinde, ohne Post und Laden, dafür gut erschlossen und überhaupt nicht abgelegen. Sie selber lebt in ihrem Elternhaus, dessen Scheune um- und ausgebaut wurde. «Hier hat man seine Ruhe», stellt die Seniorin fest. Sie habe nie das Bedürfnis gehabt, in eine Stadt zu ziehen. Der Zusammenhalt unter der Bevölkerung sei gut. Zu den vielen Zuzügern in der stolzen, neuen Überbauung mit den gelben Mehrfamilienhäusern bestehe allerdings wenig Kontakt.

Dieser Aussage pflichtet ihr Mann Hans bei, der an der Dorfstrasse eine Werkstatt für Maschinen und Fahrzeuge betreibt. Sein Geschäft baute er 2000 auf, verkaufte Roller – mit Erfolg. Er habe zur richtigen Zeit auf das richtige Produkt gesetzt, sagt er. «Vor allem die Jungen hatten Interesse an guten Fahrzeugen zu günstigen Preisen.» Mit den grossen Anbietern sei das Umfeld mittlerweile schwieriger geworden. Sein Vorteil bestehe darin, dass er nicht mehr von seinem Betrieb leben müsse, sagt Rohner mit einem Schmunzeln. Er mache es auf Freude. «Ich kann nicht einfach nur herumsitzen, ich brauche eine Beschäftigung.»

... sowie Fischliebhaber

Die Velofahrer, von denen viele unterwegs sind an diesem Vormittag, kehren gern im «Bahnhöfli» ein – genauso wie Wanderer, Einheimische und Stammgäste von auswärts. «Wir haben ein relativ grosses Einzugsgebiet», sagen Rosmarie und Hugo Siegenthaler, die das Restaurant seit 15 Jahren führen.

Der Grund ist naheliegend: Das Tagesmenü für Fr. 16.50 – Penne-Auflauf mit einem Salat – schmeckt vorzüglich, wie auch die Hausspezialität: Zander gedämpft nach Grossmutterart. Apropos Fisch: Im Rhein bei Rümikon wurden einst Lachse gefangen, eine Tavernenwirtschaft trug den Namen «Salmen». Seit dem 15. Jahrhundert besteht in der Gemeinde als Besonderheit ein Fischereirecht, das sich über die ganze Rheinbreite bis hinüber ans deutsche Ufer erstreckt, und nicht wie anderswo nur in die Flussmitte.

Bis 1934 verkehrte eine Fähre zwischen Rümikon und dem deutschen Lienheim, von der Grenze war wenig zu spüren. Heute aber sei schon ein gewisser Druck vorhanden, mit den Preisen des Nachbarlandes könnten die Schweizer nicht mithalten, sagt Hugo Siegenthaler. Trotzdem: Die Lebensqualität sei hoch. Deshalb habe das Dorf für Leute aus der Stadt seinen Reiz. Gastgeberin Rosmarie Siegenthaler, die gleichzeitig als Küchenchefin amtet, schwärmt: «Rümikon ist wunderschön.» Die Einwohner seien aktiv, schätzten die Geselligkeit, wie verschiedene Anlässe immer wieder zeigten. «Hier bin ich angekommen, hier bin ich zu Hause.»

Fazit: Rümikon mag etwas verschlafen wirken, die Einwohner sind aber alles andere verschlossen. Vielleicht mit Ausnahme des Gemeindeammanns: Auf die Anfragen zu seiner Gemeinde – per E-Mail und Telefon – gab er partout keine Antwort. Ein brennendes Thema scheint das Geld nicht zu sein. Auch dank des Finanzausgleichs? Rümikon wird 2015 ein Beitrag von 344 000 Franken in Aussicht gestellt.

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