Bad Zurzach

Geflüchteter Häftling – Zahnarzt: «Für mich sitzt da ein Mensch, dem geholfen werden muss»

Nach einer Behandlung in der Praxis von Zahnarzt Jules Saxer ergriff ein Häftling die Flucht.

Nach einer Behandlung in der Praxis von Zahnarzt Jules Saxer ergriff ein Häftling die Flucht.

Ein Häftling vom Bezirksgefängnis Zurzach türmte nach einer Behandlung in der Praxis von Zahnarzt Jules Saxer. Dieser sagt im Interview, wie solche Behandlungen ablaufen - und dass Häftlinge für ihn Patienten wie andere auch sind.

Am Freitag flüchtete ein Häftling des Bezirksgefängnisses Zurzach, ein 33-jähriger Kosovare, nachdem er bei der Zahnarztpraxis von Jules Saxer in Behandlung war, er kam aber nicht weit. Am Freitag war der Zahnarzt selbst nicht in der Praxis. Er behandelt aber seit zirka 25 Jahren selbst immer wieder Häftlinge als Notfallpatienten. 

Herr Saxer, am Freitag war ein Häftling aus dem Bezirksgefängnis in Ihrer Praxis. Sind das Patienten wie andere auch?

Aus zahnmedizinischer Sicht ist das so. Was die Häftlinge für einen Hintergrund haben, weiss ich nicht. Das muss ich auch nicht wissen.

Kommen Häftlinge regelmässig zu Ihnen in die Praxis?

In den Achtzigerjahren habe ich während mehrerer Jahre als Assistent der Uni Zürich einmal pro Woche Patienten im Gefängnis Regensdorf behandelt. Dort sind Schwerverbrecher untergebracht, es befindet sich eine Zahnarztpraxis im Sicherheitsbereich. In unsere Praxis in Bad Zurzach kommen Häftlinge aus dem Bezirksgefängnis Zurzach als reine Notfallpatienten und werden als solche auch behandelt.

«Äxgüsi!», so hat Werkhofmitarbeiter Markus Wassermann den flüchtigen Häftling gestoppt.

«Äxgüsi!», so hat Werkhofmitarbeiter Markus Wassermann den flüchtigen Häftling gestoppt.

Haben Sie einen Hintereingang für solche Patienten? Oder wie machen Sie das, damit Patienten nicht in Angst und Schrecken versetzt werden, wenn plötzlich Polizisten mit einem Häftling in Handschellen die Praxis betreten?

Wir haben keinen Hintereingang. Die Häftlinge kommen wie andere Patienten durch den Eingang in die Praxis. Das geschieht aber alles in Absprache und wird genau terminiert. Die Häftlinge haben keine Wartezeiten und kommen, wenn immer möglich, sofort dran. Die begleitenden Aufseher sind für die Sicherheitsfragen verantwortlich. Das hat bisher noch nie zu irgendwelchen Problemen geführt. Für mich als behandelnden Zahnarzt sitzt da in erster Linie ein Mensch, der unter Schmerzen leidet und dem geholfen werden muss.

Zur Flucht kam es, nachdem er in Ihrer Praxis war. Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von der Flucht hörten?

Ich war natürlich überrascht. Die Gefahr einer Flucht kann aber wahrscheinlich immer bei einem begleiteten "Ausgang" bestehen. 

Es gab also auch noch nie einen Flutversuch aus der Praxis?

Nein. Bei uns ist so etwas noch nie passiert. Dass es am Freitag nach dem Besuch in unserer Praxis zur Flucht kam, habe ich auch nur mitbekommen, weil die Medien darüber berichtet haben.

Haben Sie kein mulmiges Gefühl, wenn Sie einen mutmasslichen oder verurteilten Verbrecher behandeln?

Nein. Das habe ich nicht. Wäre das so, würde ich die Häftlinge nicht behandeln. Die Aufseher sind ja dabei. Diese sind dafür geschult. Bei unseren Mitarbeitern war das auch noch nie ein Thema. Ein Häftling ist immer sehr froh, wenn ich ihm bei seinem akuten zahnärztlichen Problem helfen kann.

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