Wer nicht gerade die Gourmet-Bibel «Gault Millau» auf dem Nachttisch liegen hat, kann mit der Meldung «Siegfried Rossal kocht im Sportcenter Leuggern» vermutlich wenig anfangen.

Zum Vergleich: Das ist etwa so, wie wenn Roger Federer für den Tennisclub Leuggern Interclub spielen würde. Siegfried Rossal lächelt verlegen ob des Vergleichs. Er findet ihn «sehr übertrieben». Bescheidenheit ist einer der Wesenszüge des 66-Jährigen. «Rossals Auftritt findet auf dem Teller und nicht auf der Runde durchs Lokal statt», schrieb einst der Restaurant- und Hotelführer gastro-tipp.ch über den gebürtigen Düsseldorfer.

Der beste Koch im Aargau

Doch zumindest die Zahl 17 spielt in Rossals wie in Federers Leben eine wichtige Rolle. Sie steht einerseits für die Anzahl der Grand-Slam-Titel des Tennisstars, andererseits für die «Gault Millau»-Punkte, die Rossal für seine Kochkünste im «Pöschtli» in Magden erhielt. Und das von 1995 bis 2004. Nie zuvor und nie danach hat im Aargau ein Koch diese Punktzahl erreicht. Das Restaurant «Ryokan Hasenberg» in Widen ist mit 16 Punkten die derzeitige Nummer 1 im Kanton.

Zuletzt war Rossal Koch im «Cocon» in Meisterschwanden. Auch dort erreichte die «Legende der Aargauer Gastronomie» (Zitat Gault Millau) auf Anhieb 15 Punkte. Ende 2014 wurde Rossal pensioniert, sagte aber schon damals: «Ich würde gerne weiterkochen. Zum Beispiel in einem Altersheim mit einer geregelten 40-Stunden-Woche.» Nun: das Altersheim muss warten, denn vorerst und seit drei Wochen verwöhnt Rossal die Gäste im Sportcenter Leuggern (SCL).

«Die Herausforderung hier im Sportcenter ist, mit einfachen Mitteln etwas Gutes und auch Preiswertes zu kochen.»
Siegfried Rossal.

Das Arrangement kam zustande, weil sich Rossal und SCL-Verwaltungsrats-Präsident Michael Back bereits seit 33 Jahren kennen und schätzen. Von einem «regelmässigen Kontakt» spricht Back – vor allem während Rossals Jahren in Magden. «Seine Küche ist ein Erlebnis», schwärmt Back, der auch Kochkurse bei Rossal besucht hat.

Weil sich die Küche und die Besucherzahlen im Bistro des Sportcenters nicht wie gewünscht entwickelt hatten, kam es vor einem Jahr zu ersten Gesprächen. Schliesslich war es Rossal, der den entscheidenden Schritt wagte. «Dass jemand mit seiner Erfahrung und seinem Palmarès unsere Gäste verwöhnt und begeistert, ist für uns ein Riesenglück», sagt Back.

Jeden Morgen rüstet Rossal 10 kg Gemüse.

Jeden Morgen rüstet Rossal 10 kg Gemüse.

Rossals Küche wird häufig als klassisch und ehrlich umschrieben. Es sei schwer, die Gaumenfreuden in Worte zu fassen, findet Rossal. Bei ihm stehe das Produkt im Vordergrund, bekömmlich soll es sein, und die Gewürze spielen eine zentrale Rolle. «Die Herausforderung hier im Sportcenter ist, mit einfachen Mitteln etwas Gutes und auch Preiswertes zu kochen», sagt Rossal.

Seinem Stil will er treu bleiben: Die Produkte stammen aus der Region, gesund soll es sein und frisch. Jeden Morgen rüstet er 10 kg Gemüse. Früher hatte er Angestellte, heute steht er alleine in der kleinen Küche hinter dem Bistro.

Rossal arbeitet von Montag bis Freitag zwischen 9 und 14 Uhr. Es gibt ein Buffet mit Salaten und eines mit warmen Speisen. Alles à discrétion. «Es ist erstaunlich, welche Mengen die Leute konsumieren», sagt Rossal nach knapp dreiwöchiger Erfahrung.

Weniger Stress und Druck

Bezüglich Tonfall und Stress ist es ein ganz anderes Arbeiten als früher. 50 bis 60 Stunden Präsenz in der Küche gehörten zu «Gault Millau»-Zeiten zum Standard, neue Menus mussten kreiert werden, der Druck war enorm. Sieben Kochbücher hat er geschrieben und ein Menu für die Business-Class der Fluggesellschaft Swiss erschaffen.

In Magden, wo zu den 17 «Gault Millau»-Punkten auch ein Michelin-Stern dazukam, hatte Rossal einst den Gasthof erworben und liess ihn sanieren. Doch der Umbau kostete statt der angekündigten 800 000 über 2,5 Millionen Franken. Einerseits musste Rossal ständig neue Kreationen abliefern, andererseits einen viel höheren Zins bezahlen, als vorgesehen.

«Wir sind gespannt, was passiert, wenn es sich herumgesprochen hat.»
Nico Vogt, Sportcenter-Geschäftsleitung

Tempi passati. Dass Rossal nach seiner Pensionierung weiterarbeitet, liegt nicht am Geld, sondern an der Liebe zum Beruf. 1973 kam Rossal in die Schweiz. Via Hotelgastronomie in den Bündner Alpen landete er vor über 30 Jahren im Aargau, kochte zuerst in Zofingen, danach in Magden, Schneisingen und Meisterschwanden. «Die Schweiz ist meine neue Heimat geworden», sagt Rossal, der heute in Veltheim wohnt.

«Das Projekt mit Rossal ist gut angelaufen», sagt Nico Vogt von der Sportcenter-Geschäftsleitung. Bisher habe man auf Werbung verzichtet und setzt auf Mund-zu-Mund-Propaganda. «Wir sind gespannt, was passiert, wenn es sich herumgesprochen hat», sagt Vogt.

Rossal kümmert sich in Leuggern nicht nur um den Mittagstisch, man kann den Starkoch auch für Anlässe buchen. Vorerst ist eine Testphase von einem halben Jahr vorgesehen. «Mit dem Ziel, nach diesem halben Jahr die Zusammenarbeit fortzusetzen», sagt Michael Back.