Lengnau

«Für uns ist der jüdische Kulturweg, was Wilhelm Tell für die Schweiz ist»

Das 10-Jahre-Jubiläum des jüdischen Kulturwegs wurde mit einem Streifzug durch die bewegte Geschichte gefeiert.

Am 21. Mai 2009 hatte die Musikgesellschaft Lengnau den Ruth-Dreifuss-Marsch aus der Taufe gehoben – in Anwesenheit der ehemaligen Bundesrätin. In Endingen heimatberechtigt, war sie allerdings nicht der Musik wegen ins Surbtal gekommen. «Mit der Eröffnung des jüdischen Kulturwegs war das Surbtal endgültig auf der nationalen Landkarte angekommen», erinnert sich Susanne Holthuizen, Präsidentin des Projekts, am Sonntagvormittag. Statt im Sonnenschein auf dem Dorfplatz wurde das 10-Jahre-Jubiläum am «Schärmen» in der kleinen Turnhalle gefeiert. Dies tat der Festlaune der rund 100 Gäste, darunter viele Honoratioren, keinerlei Abbruch.

Da die Lengnauer Musikanten auswärts engagiert waren, umrahmte die Musikgesellschaft Endingen den Anlass mit schmissigen Märschen. Eine Reihe von angesehenen und illustren Rednerinnen und Rednern liessen die Festgemeinde aus verschiedenen Aspekten in die Geschichte des Kulturwegs und des Judentums eintauchen. So erinnerte Landammann Urs Hofmann an die Geschichte der hiesigen Integration der Juden, die für die Schweiz kein Ruhmesblatt war: «Möge die unrühmliche Vergangenheit ein für alle Mal hinter uns liegen, aber dennoch nicht vergessen werden.» Hofmann schloss seine Grussbotschaft mit der nachhaltigen Mahnung «wir sind alle zuerst Menschen.»

Keramik und Mozart

Als dessen Initiant und Gründungsmitglied schlug Roy Oppenheim einen grossen Bogen von der Idee des jüdischen Kulturwegs bis zu seiner Zukunft. Er betonte, wie eng verbunden er mit der christlichen Geschichte ist und mahnte, dass «das Entscheidende immer wieder die Ignoranz ist.» Frage er auf seinen Führungen, was den Teilnehmern spontan zu «Juden» einfalle, sei die erste Antwort fast immer «Holocaust» und die zweite «sind alle reich.» Noch nie habe jemand auch nur einen der bedeutenden jüdischen Künstler wie Heinrich Heine, Franz Kafka oder Felix Mendelssohn-Bartholdy genannt.

Stolz ist Oppenheim, dass der jüdische Kulturweg inzwischen auch von internationalen Medien beachtet wird. So habe er in einer in New York erscheinenden jüdischen Zeitung den Satz «this place is for us, what Wilhelm Tell is for Switzerland» gelesen. Nachdem der Kulturweg inzwischen über die Grenze hinaus nach Deutschland führt, «sind wir jetzt dabei, ihn bis ins Elsass zu erweitern.»

Als Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde Endingen hielt André Bloch fest, dass es im europäischen Raum aktuell 31 vom Europarat zertifizierte Kulturstrassenprojekte gebe, etwa die «Europäische Keramikstrasse» oder die «Mozartwege». Der jüdische Kulturweg gehöre noch nicht dazu; vermutlich wäre er zu perfekt. «Denn er erzählt auf kleinstem Raum auch die Geschichte des Verhältnisses zwischen Juden und Christen, welche ehemals zerbrechlicher Natur war wie Keramik und sich erst im Verlaufe der Zeit zu einem ‹mozartäisch› harmonischen Miteinander entwickelt hat.»

Immaterielles Kulturerbe

Grüsse von ennet dem Rhein überbrachte Martina Bucher-Nezirovic vom Freundeskreis Jüdisches Leben in Tiengen. Sie bedankte sich über die Ermunterung und den Ansporn seitens der Verantwortlichen des jüdischen Kulturweges, und gab ihrer grossen Freude Ausdruck «dass dieser 2014 über Bad Zurzach nach Waldshut fortgesetzt wurde.» In seiner Grussbotschaft erwähnte der Leiter Jüdischen Museums Gailingen im Landkreis Konstanz, Joachim Klose, dass «einst emsig zwischen Juden und Jüdinnen von dort und hier hin – und her geheiratet wurde. So hat auch Ruth Dreifuss Wurzeln bei uns.»

Zum Schluss des offiziellen Teils – und vor einem Apéro riche – gab es einen Ausblick auf das Projekt «Doppeltür» durch dessen Präsidenten Lukas Keller aus Endingen: Das Projekt stosse bei Bund, Kanton und Gemeinden auf grosses Interesse. «Kürzlich wurde ‹Doppeltür› in die Liste der ‹Lebendigen Traditionen der Schweiz› und damit in unser immaterielles kulturelles Erbe aufgenommen. Auch haben wir kürzlich beim Amt für geistiges Eigentum den Antrag zum Schutz des Namens gestellt.»

Namens des Jubilares sprach Keller zum Schluss Roy Oppenheim den herzlichsten Dank für dessen grosse Schaffenskraft aus. In einem Interview habe Oppenheim sich mal als «Aufreisser» bezeichnet. «Im Bezug auf die Surbtaler Geschichte ist er nicht nur ein Aufreisser, sondern auch ein Marathonläufer.» Als Zeichen der Wertschätzung wurde Oppenheim eine Dissertation aus dem Jahre 1882 überreicht, verfasst von einem Moritz Guggenheim aus Lengnau.

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