Seit einer Woche hat die Schweiz einen fussballspielenden Schweizer Meister, der nicht bei den Young Boys, sondern beim Drittligisten SC Aegerten/Brügg «tschuttet». Das tut Michel Baumgartner zwar leidenschaftlich – allerdings nur hobbymässig und vorübergehend, «da ich jedes Jahr in einer neuen Region bin».

Die Goldmedaille hat der 19-Jährige sich ja auch nicht mit dem Ball, sondern rund um den Wein erkämpft: An den Swiss Skills in Bern hat der Tegerfelder vergangene Woche von den vier teilnehmenden Winzern und den zwei Winzerinnen am besten abgeschnitten.

Vor 43 Jahren hatte Michels Grossvater Alois sein Hobby Weinbau zum Beruf gemacht. Heute führt sein Sohn Lukas den Betrieb, der auf 12,5 Hektaren in fünf Gemeinden zehn Traubensorten pflegt. «Mein Traum ist es, zusammen mit meinem Bruder Noel, den Betrieb einmal zu übernehmen.» Der 24-jährige Noel arbeitet seit 2017 bereits im Betrieb und bildet sich gegenwärtig berufsbegleitend in Wädenswil zum Weinbautechniker weiter.

Michel Baumgartner

Winzer: Gold für Michel Baumgartner aus Tegerfelden AG

Winzer: Gold für Michel Baumgartner aus Tegerfelden AG

Michel seinerseits hat nach seiner dreijährigen Lehre – die er bei Winzern in Cully, Meilen und Maienfeld absolvierte und mit brillanten 5,6 abgeschlossen hat – zielstrebig eine fundierte Weiterbildung in Angriff genommen. Seit Juni büffelt er nun am Berufsbildungszentrum für die zweisprachige Berufsmatur, die er Ende Juni 2019 ablegen wird. «Danach werde ich in Changins bei Nyon Önologie studieren mit dem Ziel, alle Details über die Weinproduktion und deren chemische Zusammenhänge kennen zu lernen.»

Praktika in Übersee locken

Das geflügelte Wort «grau ist alle Theorie» aus Goethes «Faust» hat wohl in jedem Beruf seine Gültigkeit. Winzer aber haben besonders gute Möglichkeiten, weltweit praktische Erfahrungen zu sammeln. «Mein Bruder hat Praktika in Neuseeland und im Elsass absolviert. Mich zieht es besonders in den englischen Sprachraum, vor allem nach Amerika oder Südafrika. Aber auch Praktika in Österreich, Deutschland und Frankreich locken mich sehr.»

Michels Ehrgeiz und seine Zielstrebigkeit tun der Tatsache, dass er ein richtiger «Sonnyboy» ist, keinerlei Abbruch. Im Gegenteil – die Frage, ob die Goldmedaille sein Leben verändert habe, beantwortet er strahlend mit einem klaren Nein: «Ich habe zwar unendlich viele Glückwünsche bekommen, doch nun bin ich wieder im Alltag angekommen.» Im Alltag seines Traumberufs. «Für mich war schon immer klar, dass ich Winzer werden würde. Dennoch hatten mich meine Eltern noch zu einem Berufsberater geschickt, der mich allerdings nicht umstimmen konnte», berichtet er schmunzelnd.

Winzer sei ein sehr vielseitiger Beruf: «Man arbeitet draussen und im Keller, mit den Händen und dem Traktor, ist im Verkauf tätig und hat Kundenkontakt. Welche Arbeit auch immer – am Ende des Tages sieht man, was man getan hat und am Ende des Jahres hält man ein Produkt in den Händen.» Einen Lieblingswein hat Michel nicht, «das ist sehr situationsbedingt, jedoch trinke ich sehr gerne Baumgartner Weine», verrät er augenzwinkernd.

Rebschnitt und Verkauf sind top

An den Swiss Skills waren die zwei Winzerinnen und vier Winzer in elf Disziplinen – von Veredlung über Krankheiten und Schädlinge bis zum Staplerfahren – auf Wissen und Können geprüft worden. Bei der Filtration lief es Michel nicht wunschgemäss, weil sich vor allem Weintechnologen während ihrer Lehre intensiv damit beschäftigen. «Am meisten lagen mir der Verkauf und der Rebschnitt.» Das Schneiden von Reben sei nicht nur seine Lieblingsarbeit, sondern auch die von Vater Lukas und Bruder Noel.

«Der Verkauf liegt mir auch sehr und ich habe in dieser Disziplin bereits Erfahrung, weil ich zu Hause schon oft bei Events mitgeholfen habe.» Selbstverständlich wird Michel dieses Wochenende auch am Tegerfelder Wysonntig am «Baumgartner»-Stand anzutreffen sein. Da fällt sogar der Verzicht auf das Spiel SC Aegerter/Brügg gegen FC Iberico Bienne am Sonntag nicht schwer.